56.DOK: "Holanda del Sol"

Ein Dokumentarfilm über holländische Senioren an der Costa Brava. Sie turnen am Strand, fahren mit dem Fahrrad unter Palmen und essen Fastfood von Burgerkind. Aber auch hier werden sie älter. Ein einfühlsamer Film über das Altern. 02.11.2013
Titelbild

Der Himmel ist blau, Wellen schlagen an den Strand, ein Jogger läuft vorbei. Der Mülleimer im Sand hängt schief, bis eine Frau kommt und ihn wieder geraderückt. H 307 Lena sitzt beim Frisör. Die Ziffern und der Name stehen auf dem Rollstuhl der alten Frau, deren weiße Locken frisiert werden.

„Holanda del Sol“ ist ein Dokumentarfilm von Daniel Abma und Florian Lampersberger. Er erzählt von niederländischen Senioren, die einen Teil ihres Jahres in Benidorm verbringen. Die Stadt an der Costa Blanca in Spanien ist eine Hochhauswüste, aber für die alten Leute bedeutet sie Urlaubsstimmung – und vor allem Abwechslung. Der Film dauert 46 Minuten und besteht aus meist ruhigen Momentaufnahmen. Die Stimmung des Zuschauers schwankt. Gerade als die Demenz einer alten Frau, die liebevoll von ihrem Mann gefüttert wird, zu Tränen rührt, entschädigt den Zuschauer ihr breites Lächeln. „Was ist, mein Mädchen?“, fragt ihr Mann Theo, als sie weint. Er küsst sie, streichelt ihr zum Trost die Wange und hangelt sich dann – selbst im Rollstuhl sitzend – mit ihrem Rollstuhl voran über die Gänge.

„Besame mucho que tengo miedo perderte”, singen die Senioren bei der Nachmittagsbelustigung. „Küss mich lange, denn ich habe Angst, dich zu verlieren.“ Auch diese Szene zeigt das Unausweichliche des Alterns, mögen die holländischen Senioren noch so glücklich wirken. Sie treffen sich zur Gymnastik am Strand und rudern auf dem Sand synchron mit den Armen, die Rollstuhlfahrer werden mit dem Bus zu einem Café an der Promenade gebracht, die besonders Fitten essen abends mit Blick über die Stadt Fastfood von Burgerking. Als ein paar ältere Frauen für ein Unterhaltungsprogramm mit Indianer-Kopfputz geschmückt werden, schieben sie sich verschwörerisch einen Taschenspiegel über den Tisch. Jede wirft einen Blick hinein. Einige sind gerade noch so beweglich, dass sich ihre Fingerspitzen in der Tischmitte treffen, wenn die eine versucht, den Spiegel hinüberzuschieben, und die andere versucht, ihn zu heranzuangeln. Dann tauschen sie ein diebisches Lächeln.

„Meine Asche soll verstreut werden, wo ich immer Gymnastik gemacht habe“, sagt eine ältere Frau. Am Strand also. Zuhause – damit meint sie Holland – habe sie niemanden mehr. Zur Sicherheit trägt sie deswegen immer ihren letzten Willen bei sich, auf Spanisch und auf Holländisch. „Ich weiß aber gar nicht, ob ich das Testament heute dabei habe“, sagt die braungebrannte Seniorin, der man ihre 87 Jahre nicht ansieht. Mit ihrer Sonnenbrille und den wilden weißen Locken sieht sie aus wie das blühende Leben am Strand.

 

Deutschland 2013, Dokumentarfilm, 46 Minuten. Niederländisch, Spanisch mit deutschen Untertiteln.

Weitere Vorstellung: Samstag, 02.11., 14:00 Uhr, Schaubühne Lindenfels #692

Homepage: www.holanda-del-sol.de

Bild: (c) www.holanda-del-sol.de

Über die Autorin: Sofia Dreisbach studiert Geschichte an der Universität Leipzig. Weitere Beiträge von ihr finden Sie hier.

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