56.DOK: "Romanze o.T."

Haus ausmisten genügt nicht. Ein Dokumentarfilm über den tragikomischen Versuch eines Ehepaares, nach zehn Jahren Trennung wieder unter einem Dach zu leben. 02.11.2013
Titelbild

„Vor zehn Jahren packte meine Frau ihre Tasche, sagte ‚Ich liebe Dich‘, machte die Tür von außen zu und war weg.“ Seit zehn Jahren legt Hans-Otto seine Wäsche also mit einem orangefarbenen Faltbrett zusammen – „das ist die schönste Erfindung für einen Single“ –, stapelt im Keller seines Einfamilienhauses alten Elektroschrott, lässt den Garten verwildern, und im 70er-Jahre Schwimmbecken ist ohnehin kein Wasser mehr.

Seine Nachbarin wirft ihm krankhaften Geiz vor. Nie sei er mit seiner Frau richtig in den Urlaub gefahren, immer nur in die DDR. „Sie hatte den Luxus. Aber es war eben Ost-Luxus. Mit dem konnte sie nichts anfangen“, verteidigt sich Hans-Otto. Er geht in Holzfällerhemd, Schlappen und mit seinem grauen Bart durch das vergammelte Haus. „Ich habe nicht mehr so ein Interesse, dass ich jeder Bremsspur eines Damenfahrrads hinterherlaufe. Ich habe schon zwei Mal in die Kloschüssel gegriffen.“ Eine Rückblende zeigt ihn auf alten Fotos mit matten Farben. Er hat lange braune Haare und einen dichten Bart, schaut oben aus einer lilafarbenen Ente heraus oder isst bei einer Auto-Pause aus dem Blechteller. Verwirrenderweise sieht das Leben der beiden auf diesen Bildern sogar nach einem großen Roadtrip aus.

Heute brät Hans-Otto sich in einer Pfanne Ei mit Fleischwurst. Zum Nachtisch gibt es aus der Kur vom Frühstückstisch mitgenommene Honigtöpfchen auf abgepacktem Rosinenbrot. „Das ist ziemlich viel Volumen für den Preis“, sagt er über das Brot. Sparen ist seine Welt. „Wer würde sich hierher verirren?“, sagt er aber auch selbst, wenn er sich in seinem Haus umschaut. Fürs Essen setzt er sich nicht mehr an den Tisch, weil ihm dann auffällt, dass er allein ist.

Aber es passiert das Wunder. Seine Frau Claudia kehrt ins gemeinsame Haus zurück. „Ich habe mich nach deinem Anruf sofort in den Zug gesetzt“, sagt sie. Ob es die alte Liebe und Verbundenheit war oder die Angst vor dem Alleinsein, lässt der Dokumentarfilm offen. Jeder Anflug romantischer Gefühle, in den vorsichigen Gesprächen des Ehepaars wird im nächsten Moment schon wieder weggeblasen. Als Claudia und Hans-Otto auf dem Bett sitzen und darüber reden, wie es weitergehen soll, ist beinahe jeder Kommentar zum Lachen, tragikomisch. Als sie ihn aufgebracht anschreit, sagt er nur: „Kannst du nicht mal sachlich bleiben? Aber jetzt lässt du wenigstens mal die Sau raus!“

Während des gesamten Dokumentarfilms „Romanze o.T.“ von Elke Margarete Lehrenkrauss bleibt Hans-Otto seine eigene Hauptfigur. Er ist egoistisch und wenig kompromissbereit. Seine Frau entrümpelt das Haus. „Auf die Bank könnten wir doch noch etwas Schönes draufstellen“, sagt Hans-Otto. „Wir können es aber auch lassen“, antwortet sie schnippisch und legt sie auf den Sperrmüll-Haufen. „Ich bin froh, dass ich mal den Mut habe, etwas wegzuschmeißen!“, sagt Hans-Otto dann aber auf dem Elektro-Schrottplatz und macht sein Auto leer. Dann packt er ein neues Teil in den Kofferraum. „Sowas kann ich noch gebrauchen, aber das sage ich bei allen Teilen.“ Und man will wissen: Meint er jetzt den Schrott oder doch die Frauen?

 

Deutschland 2013, Dokumentarfilm, 58 Minuten. Deutsch mit englischen Untertiteln.

Weitere Vorstellung: Samstag, 02.11., 14:00 Uhr Schaubühne Lindenfels, #692

Bild: Songkran; Symbolbild.

Über die Autorin: Sofia Dreisbach studiert Geschichte an der Universität Leipzig. Weitere Beiträge von ihr finden Sie hier.

Kommentare & Bewertungen (2) 

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Margaret Sullivan
Margaret Sullivan am 14.07.2017 um 19:54 Uhr
What a style!
Isabella Sullivan
Isabella Sullivan am 24.06.2016 um 15:13 Uhr
Great article, thanks for sharing!

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