56. DOK: "Er hat seine Liebe hier gefunden"

"Schnee von gestern" von Yael Reuveny ist ein berührender Dokumentarfilm über das schwere Erbe der Nachkommen von Shoa-Überlebenden - und die Annäherung einer jungen Jüdin an Deutschland. 01.11.2013
Titelbild

„Sie hat mit der deutschen Geschichte nichts zu tun“, sagt Yael Reuvenys Mutter. Sie sitzt auf einem beigefarbenen Sofa, vor sich eine Schale mit Orangen. Sie ist Jüdin, die zweite Generation nach der Shoa. Ihre Tochter Yael will einen Film machen über die unglaubliche Geschichte ihres Großonkels. Feivush Schwarz wird als polnischer Soldat von den Deutschen gefangengenommen und als Jude erst nach Buchenwald, dann in das KZ-Außenlager Schlieben gebracht. Nach der Befreiung bleibt er in diesem kleinen ostdeutschen Dorf, heiratet als Peter Schwarz eine Deutsche und verbringt den Rest seines Lebens in den Überresten seines ehemaligen Gefängnisses.

Die jüdische Regisseurin Yael Reuveny folgt den Spuren Feivushs nach Schlieben. Dort sitzt sie auf einem geblümten Sofa, hinter ihr ein heller Kachelofen, auf dem Wohnzimmertisch liegt ein Fotoalbum. „Ich bin Tante Helga“, sagt die ältere Frau, die die junge Israelin ohne Zögern hereingebeten hat. „Und das ist Peter“, sagt sie und zeigt auf ein Bild im Fotoalbum: Peter Schwarz, zwei Jahre nach der Befreiung des Lagers, mit seiner deutschen Frau und dem ersten von drei Kindern auf dem Arm, ein breites Lachen im Gesicht. Als sie weiterblättern, kommen Bilder eines Mannes in Wehrmachtsuniform. Die Schwester von Peters Frau erzählt, dass ihr Mann Soldat war im Zweiten Weltkrieg. Nach seiner Rückkehr habe er trotzdem friedlich mit Peter unter einem Dach gelebt. Yael ringt im spießigen Wohnzimmer um Fassung, als sie Bilder des Mannes in der Uniform der Hitlerjugend und der Wehrmacht sieht – und sich ihren jüdischen Großvater Feivush als „Peter“ in dieser Familie vorzustellen versucht.

„Ich kann mir kaum vorstellen wie hart es gewesen sein muss, sich hier einzugewöhnen“, sagt Yael. Die Bewohner Schliebens wohnen noch in den umgebauten Baracken des Lagers. „Wir haben nur die Fenster vergrößert“, sagt ein älterer Mann, der vor seinem Gartentor steht. „Wir haben gut gelebt hier. Das ist meine Heimat.“ Der Holocaust lasse einen nie los, hat Yaels Großmutter immer gesagt. Sie, die Schwester Feivushs, hat seinen Tod zwei Mal beweint. Zuerst dachte sie, er sei im Konzentrationslager umgekommen. Dann traf sie in Vilnius einen Mann, der sagte, ihr Bruder sei noch am Leben - sie solle ihn morgen am Bahnhof treffen. Aber Feivush kam nicht. „Der Bahnhof hat sie ihr Leben lang verfolgt“, sagt Yael.

„Großmutter konnte niemandem vergeben“, sagt Raels Mutter. Umso tragischer, dass ihr geliebter Bruder bei den Deutschen seine neue Heimat fand. „Er hat seine Liebe hier gefunden“, sagt Tante Helga in Schlieben. Seine Vergangenheit sei aber ein Tabu gewesen. „Peter wollte nicht, dass darüber gesprochen wird.“

Yael Reuveny, die zur dritten Generation der Überlebenden gehört, hat mit „Schnee von gestern“ einen berührenden Dokumentardfilm über das schwere Erbe der Nachkommen gedreht. Der Film lebt von ruhigen Porträtaufnahmen in den Wohnungen seiner Protagonisten. Detailaufnahmen lassen die Zuschauer mit im Raum sitzen, mit auf der Straße oder am Grab stehen. Eine schwarze Katze, die vorm Jugendhaus Feivushs liegt, die vertrockneten Blumen und Steine auf dem Grab der Großmutter, das letzte rissige Schwarz-Weiß-Foto, auf dem die Geschwister noch vereint sind. Die 96-minütige Dokumentation stellt viele Fragen, die nicht alle beantwortet werden können, und beschreibt, wie sich eine junge Jüdin auf Deutschland einlässt. Auf das Land, von dem ihre Mutter sagt, nach dem Holocaust habe bisher niemand aus der Familie mehr einen Fuß dorthin gesetzt. „Weißt du, was am besten hilft?“, sagt Yael zu ihrer Mutter. „Dort zu leben.“ Yael Reuveny wohnt inzwischen in Berlin.

Deutschland/ Israel 2013, Dokumentarfilm, 96 Minuten

Weitere Vorstellungen:
Freitag, 1.11., 16:15 Uhr, Cine Star 4
Samstag, 2.11., 22:30 Uhr, Cine Star 6

Foto: Michael Panse

Über die Autorin: Sofia Dreisbach studiert Geschichte an der Universität Leipzig. Weitere Beiträge von ihr finden Sie hier.

 

Kommentare & Bewertungen

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Frank Scarborough
Frank Scarborough am 16.05.2016 um 22:19 Uhr
This is my favourite episode of your series, it has something special! I really love it.

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