56. DOK: „Für Roma ist die Erde der Teppich und der Himmel die Decke“

„Escape“ von Srdan Keca zeigt den Kampf dreier Roma-Frauen um Respekt und Anerkennung in der patriarchalischen Gesellschaft, in der sie aufgewachsen sind. 03.11.2013
Titelbild

„Für Roma ist die Erde der Teppich und der Himmel die Decke“, sagt Galiba. Sie ist eine Roma-Frau aus Bosnien, nicht alt, aber sie sieht verhärmt aus. Ihr Mann hat sie geschlagen früher, aber irgendwann hat sie sich gewehrt. Ihn mit einem Messer bedroht, auch nicht nachgegeben, als er sagte: „Das wagst du nicht“ – seitdem ist Ruhe. Galiba will ihren Mann verlassen. „Ich habe einen Traum von einem kleinen Raum und einer Küche, nur für mich“, sagt sie leise, den Blick in die Ferne gerichtet.

Die meisten Roma-Mädchen heiraten früh und gehen nicht zur Schule. Danijela ist 15, aber noch nicht verheiratet. „Ich denke noch nicht einmal daran“, sagt sie. Noch spielt sie mit den Jungs draußen auf dem Schotterplatz Fußball. Sie geht zur Schule und hat große Pläne, will studieren und dann Ärztin werden. Eines Tages kommt sie nicht aus der Schule zurück, die Mutter bekommt nur einen Anruf: Die Tochter ist verheiratet und lebt jetzt bei ihrem Mann.

Elvira hat einen kleinen Laden. Nachmittags sitzt ihre Tochter dort bei ihr am Tisch und macht Hausaufgaben. Zwischendrin zählt sie auf, was sie heute gelernt hat, die Wochentage: Ponedjeljak, Utorak, Srijeda… Elvira war verheiratet, eine schwere Zeit, in der sie sich täglich Sorgen machen musste, dass nicht genug Essen auf den Tisch kommt. Dann ist ihr Mann verschwunden. „Ich war ein Niemand“, sagt die junge Frau. Erst ein Workshop zur Stärkung von Frauen habe ihr wieder Selbstvertrauen gegeben. „Beim ersten Treffen habe ich mich kaum getraut, aufzustehen und meinen Namen zu sagen.“ Jetzt ist ihr Mann wieder da, die Tochter schmust mit ihm, als wäre er nie weggewesen. Elvira sagt: „Jetzt kommt die Familie an erster Stelle.“

Im Film wird nicht alles gleich so klar: Die Blitzhochzeit von Danijela kommt unvermittelt, der Zuschauer versteht nicht, was passiert ist. Hatten nicht wenigstens ihre Eltern etwas mitzureden bei der Hochzeit? Und Elviras Mann ist auch ganz unvermittelt wieder da, ohne Kommentar, woher denn nun nach all der Zeit?
 „Escape“ von Srdan Keca ist ein schwermütiger Film. Das Entkommen bleibt ein Wunsch. Es gelingt keiner der drei Frauen, was sie auch tun, sie sind abhängig von Männern. Dennoch ist „Escape“ nicht mutlos. Er zeigt auch die Stärke dieser Frauen - andere an ihrer Stelle hätten schon längst aufgegeben.

Serbien/Bosnien 2013, Dokumentarfilm, 23 Minuten.

Bild: (c) Michael Gumtau, Symbolbild.

Über die Autorin: Ariane Dreisbach studiert Geschichte in Leipzig. Weitere Beiträge der Autorin finden Sie hier

Kommentare & Bewertungen (2) 

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Anna Tillett
Anna Tillett am 17.11.2016 um 02:23 Uhr
It seems really dark but I love it.
Cherly Morris
Cherly Morris am 18.03.2016 um 16:23 Uhr
Große Artikel. Ich möchte eine ganze Reihe dieser Filme zu sehen, denn Schüsse sind erstaunlich.

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