56. DOK: Vaters Garten – Die Liebe meiner Eltern

„Vaters Garten – Die Liebe meiner Eltern“ von Peter Liechti ist ein beeindruckendes und trauriges Portrait einer Ehe nach 62 Jahren. 03.11.2013
Titelbild

„Ich bin nicht pingelig, ich habe einfach gern Ordnung“, sagt Max Liechti, und klopft mit einer Harke penibel die Erde am Rand des Beetes in seinem heißgeliebten Schrebergarten in Form. Dann zückt er ein DINA4-Blatt: „Gartenbeet-Einteilung 2011“, geschrieben in akkurater Handschrift. Beim Friseur sagt er: „Was ich einfach gerne habe, ist ein sauber geputzter Hals. Ich hatte noch nie eine andere Frisur. Mich sieht man auch nie in einer Jeanshose.“ Seine Frau Hedy steht in der Wohnung, bügelt seine Hemden und wünscht sich, er würde T-Shirts tragen.

Auf einem Sofa im Puppentheater sitzen zwei Plüschhasen, ein grauer, ein brauner. Max und Hedy Liechti. Sie beantworten Fragen ihres Sohnes, der hinter der Kamera steht. Der sich bei einem zufälligen Wiedersehen endlich dazu entschloss, den lange geplanten Film über seine Eltern zu drehen.
„Vater, Mutter, Sohn, jeder hatte seine eigene Sicht, das ist nie eine Harmonie gewesen“, sagt die Mutter über ihn. Seiner Jugendrebellion mit den zerrissenen Jeans und den langen Haaren hätten sie hilflos gegenübergestanden. Seine Schwester Ursi sei ein viel einfacheres Kind gewesen.

 „Er war ein Hübscher, ein Charmanter, meine erste Liebe“, sagt Hedy über ihren Mann Max. Zur Ehe sagt sie dann: „Die Frau richtet sich einfach so ein, dass es keinen Krach gibt. Die ganzen Neuerungen sind ja erst später gekommen. Den größten Teil meines Lebens hab ich mich angepasst, ich konnte nie so sein wie ich wollte.“ Man sieht sie in der Wohnung nie ohne Schürze, auch als Hase trägt sie eine. Aber sie hadert nicht. „Der Mann ist das Haupt einer Familie“, sagt der Vater, „vom Wesen her gehört die Frau nicht in den Arbeitsalltag.“

Der Sohn sagt: „Schon als Kind habe ich immer das Gefühl gehabt, dass meine Eltern nicht glücklich sind.“
Der Vater sagt: „Es ist schon fast eine Ausnahme, diese starke Liebe, die Mutter heute noch mit mir verbindet.“
Die Mutter sagt: „Er hat sicher mindestens so gelitten wie ich. An jedem Hochzeitstag müssen wir uns sagen: Es ist ein Wunder, dass wir noch zusammen sind.“

Im Wechsel zwischen Realität und Puppentheater erzählt Peter Liechti in „Vaters Garten – Die Liebe meiner Eltern“ die Geschichte der 62-jährigen Ehe seiner Eltern und die Geschichte seiner Familie. Er zeigt eine Form der Ehe, die ausstirbt. Hedy wäre heute wahrscheinlich schon dreimal weggewesen, hätte sich ihren Traum vom Reisen erfüllt und den Mann verlassen, der Dinge zu ihr sagt wie: „Wenn wir hier wegziehen, weine ich. Wenn wir nicht wegziehen, weinst du. – Also weine du!“ Und trotzdem seien sie sich im Alter nähergekommen, ruhiger geworden. Vor dem Frühstück gibt sich das Ehepaar einen unbeholfenen Gutenmorgenkuss auf den Mund. „Wir brauchen uns.“
Der Film „Vaters Garten – Die Liebe meiner Eltern“ von Peter Liechti ist ein beeindruckendes und trauriges Portrait einer Ehe.

Schweiz 2013, Dokumentarfilm, 93 Minuten. Englische Untertitel.

Bild: © Salzgeber & Company Medien

Über die Autorin: Ariane Dreisbach studiert Geschichte in Leipzig. Weitere Beiträge der Autorin finden Sie hier

Kommentare & Bewertungen (2) 

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Alexander Etheridge
Alexander Etheridge am 17.10.2016 um 23:44 Uhr
Wow, such a great article. Thanks for sharing!
James Johnson
James Johnson am 14.07.2016 um 17:30 Uhr
This is pretty interesting. I will definitely check out Vaters Garten – Die Liebe meiner Eltern

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