Alles war, alles ist! Und was bleibt?

Ein exklusives Interview mit dem Techno-Ausnahmeproduzenten René Pawlowitz alias Shed. Arti-Redakteur Gabriel Alexandro Volksdorf nahm ihn vor seinem Gig in der Leipziger Distillery unter die Lupe. Site4 von Gabriel Alexandro Volksdorf (22.10.2013)
Titelbild

 

Arti : Hi René, wie geht’s. Hattest du gestern einen Gig? Wie wars?

Shed: Nein, hab’ ne Woche Familienurlaub gemacht.

Arti: Seit der Veröffentlichung deines Albums von 2012 „The Killer“ sind gut 14 Monate Vergangen? Was ist in der Zwischenzeit passiert?

Shed: Nix! (Lacht) Es läuft, würde ich sagen. Business as usual. Ich hab ja die Agentur gewechselt und bin zu Monkeytown gegangen, die auch für für Modeselektor das booking machen. Und mit Denen läuft’s hervorragend. Bei dem booking ist es recht abwechslungsreich. Angefangen bei 50 Weapons und Monkeytown Labelnächten, wo auch mal UK Bass Musik oder Experimentelles läuft. Oder die Chance auch mal als Support für interessante Projekte wie Atoms for Peace (feat. Thom Yorke) im Berghain zu spielen. Die haben ihr Debütalbum vorgestellt und Thom Yorke hat auch noch aufgelegt. Für mich war das alles ziemlich schräg, weil das Publikum sehr jung war und quasi aus 13jährigen Mädchen bestand, die sich auf Thom Yorke freuten. Also auch eher Leute die nichts mit meiner Musik zu tun haben. Man denkt dann, jetzt musst du mal was Anderes versuchen. Auch wenn’s meiner Meinung nach nicht funktioniert hat, es war trotzdem interessant.

Arti: Du hast doch ein relativ abwechslungsreiches Repertoire von Tracks aus deinen Album-Releases und Tracks for DJs.

Shed: Klar, ich hab auch Tracks von meinen Alben gespielt, aber wenn man sonst vor einer schreienden Meute steht und dann auf einmal vor so einem kunstinteressierten Publikum steht, das ist schon was ganz anderes.

Arti: Hattest du denn insgesamt einen produktiven Sommer im Studio oder eher viele Gigs?

Shed: Weder noch. Ich war im Sommer zu Hause und hab keine Musik gemacht. Ich hab vielleicht auf drei Festivals gespielt.

Arti: Warum so wenig? Damit du eine gewisse Balance zwischen Privatem und Musik behältst?

Shed: Nein, das hat damit nichts zu tun. Ich mache Musik eher um mich privat ausleben zu können. Das Eine ist eher der Schlüssel zum Anderen.


Arti: Beim jüngst erschienenen B-Seiten Track SeeLow "Fatal Chord" musste ich an eine bestimmte 5000 Seelengemeinde in Brandenburg denken, wo meine Oma lebt. Liege ich da richtig? Was ging Dir bei dem Track durch den Kopf?

Shed: Ja, meine Eltern und Großeltern kommen von dort. Seit 5 Jahren warte ich darauf, diesen Artist-Namen zu verwenden. Weil im Englischen see low extrem cool ist. Auf meiner ersten erste Platte „Soloaction“ (2003) ist das Ehrenmal von den Seelower Höhen drauf. Als Kind stand ich oft vor diesem Ehrenmal. Die dort stattgefundene Schlacht hat mich immer fasziniert.

Arti: Wie geht das bei dir so ab, wenn du Songwriting machst? Was kommt zuerst, die Musik oder der Trackname?

Shed: Bei mir ist es so, dass zuerst der Trackname oder der Artistname steht und ich daraufhin erst die Musik mache. Nicht andersrum.

Arti: Sind die entlegenen brandenburgischen Orte für dein producing inspirierend?           

Shed: Sie sind nicht entlegen. Mein Leben findet dort immer noch statt, weil meine Eltern dort wohnen. Von daher ist es meine Heimat.

Arti: Welcher Ort ist für deine Musik inspirierender, Schwedt, Seelow oder Berlin?

Shed: Schwedt und Seelow mehr als Berlin. Auf jeden Fall! Berlin ist mittlerweile nur eine Stadt in der ich lebe, das ist alles. Aber es hat nichts mehr mit dem Berlin der 1990er zu tun.

Arti: Du spielst heute Abend in Leipziger Distillery, wo hinsichtlich Techno in Sachsen alles begann. Was für ein Gefühl hast du dabei? Hast du eine spezielle Verbindung zu derart urtümlichen Orten?

Shed: Nee, habe ich nicht. Aber ich hab mich immer so ein bisschen geärgert, dass ich nie eingeladen wurde in die Distillery und das es bis 2013 gedauert hat.

Arti: Die Distillery soll im Zuge von innerstädtischen Umbaumaßnahmen weichen. Eine Politik, die sich mit dem Glanz & Gloria der Hochkultur schmückt und die elektronische Subkultur oft ignoriert. Wie findest du das?

Shed: Politiker am Arsch würd’ ich sagen. Letztlich spielt es kaum eine Rolle, wer regiert, das ist total affig. Alles oberflächlich, Vetternwirtschaft, der ewige Machterhalt. Letztendlich wird alles auf die Karte „Schafft Arbeitsplätze!“ gesetzt.

Arti: Seit dem New York Times Artikel „Leipzig is the better Berlin“ sagt man hinter vorgehaltener Hand schon Hypezig. Denkst du solche Berlinvergleiche sind angebracht?

Shed: Ich kann’s nicht mehr hören. Wen interessiert´s was die New York Times schreibt. Nee, ehrlich, das ist ein bisschen schade für Leipzig, glaub ich. Was in Berlin passiert, sieht man ja gerade. Da ist dieses „Mehr! Mehr! Mehr!“- Ding. Jeder der Investoren versucht doch seine Kohle irgendwie unterzubringen. Das Schlimme ist, jeder hat zu viel Kohle und jeder versucht daraus noch mehr zu machen. Und Alle die darunter leiden sind die, die versuchen zu leben. Wenn die Leute in Berlin fertig sind mit dem Investieren und da unter 5 % Rendite nichts mehr rauskommt gehen die woanders hin, ganz einfach. Die interessiert einen Scheiß welche Stadt gerade da ist.

Arti: Brauchen wir deswegen eine bessere Politik?

Shed: Der Zug ist abgefahren! Die Leute in Norwegen haben soviel Kohle verdient. Ich habe jemanden aus Norwegen kennengelernt, der in Oslo seine Eigentumswohnung verkauft und sich dafür drei in Berlin gekauft hat. Und die Politiker leben auch davon. Dann kommt noch dieses Ostding dazu. Angeblich muss der Osten erst recht gucken, dass er neue Investoren rankriegt, dann noch mehr herholt und seine eigene Bevölkerung ausbeutet. Das sieht man in Brandenburg oder auf der Website meiner Heimatstadt Frankfurt/Oder: „Wir haben hier billige Arbeitsplätze“. Das ist deren Argument, um neue Investoren in die Stadt zu holen. Wie kann man seine eigene Bevölkerung als billige Arbeitnehmer bezeichnen? Immer dieses „Arbeitsplätze schaffen“ aber nebenbei die eigene Heimat zerstören. Da gibt es so viele Geschichten über Brandenburg, wo hunderte Millionen Fördergelder in den Sand gesetzt werden. Überall gibt es das, sicher auch in Leipzig.

Arti: Bei Sven Väths boilerroom Set am 12.12.2012 spielte er als dritten Track „Day After“ von deinem Album „The Killer“? Ist das eine Ehre für dich?

Shed: WAHNSINN!!! (lacht). Cool, SVEN VÄTH hat nen Track von mir gespielt! Das hat mir schon mal jemand erzählt. Nee, echt, ich find’s wirklich cool. Er ist halt einer der letzten Großen, der die Vinyl Fahne nach oben hält. Ich bin nur etwas reserviert gegenüber dieser boilerroom Sache. Es wäre zwar beinahe passiert, aber ich will das schon selber entscheiden, wann ich da spiele.



Arti: Was hältst du von zeitgenössischer Musik bzw. neuer Musik als Weiterentwicklung von klassischer Musik, die u.a. auch Kraftwerk beeinflusst hat?

Shed: Für mich spielt es keine oder kaum eine Rolle. Klar, dass Leute die mich beeinflusst haben auch auf Kraftwerk abgefahren sind und zwangsläufig auch mich inspiriert haben. Obwohl ich Kraftwerk nie cool fand. Ich bin auch nicht der Typ, der nach alter oder neuer Musik guckt.

Arti: Abschließend noch ein kleines Hörbeispiel. Es ist von einem deutschen Elektronik Pionier aus dem Jahre 1981.

Shed: Ja, Marcel Dettmann würde darauf abfahren (lacht). Nee, sorry ich hab keine Ahnung. Ich kann’s leider nicht beurteilen.


Arti: Okay, nun die Auflösung: Asmus Tietchens „ Das Ritual der kranken Freunde“

Shed: Da kann man mal sehen was sich verändert hat in den letzten 30 Jahren. Nämlich nix, würd ich mal sagen! Wir hatten vorhin ein ähnliches Gespräch beim Essen. Man steht so manchmal vor Leuten, die sind 20 Jahre jünger als man selbst. Die könnten die eigenen Kinder sein. Und man denkt immer: "Was soll denn das jetzt? Ich spiel Musik, die gab’s schon vor 20 Jahren". Die Kids sind da gerade erst geboren worden und die gleiche Musik macht man grad auch selbst und dann denkst du so, man Leute guckt doch mal ihr müsst doch mal was Anderes hören. Ich meine für mich selber ist es ja cool. Ist ja schön, wenn auch jüngere Leute zu meiner Musik tanzen aber es ist eigentlich immernoch derselbe Scheiß wie vor 20 Jahren. Es gibt nichts Neues, absolut nicht.

Arti: Ist Musik aber nicht immer wieder neu verarbeitet oder interpretiert?

Shed: Man hört ja nicht immer dieselbe Musik. Und man steht ja nicht immer auf dieselbe Musik. Aber es macht mir auch ein bisschen Angst. Warum tanzen 18jährige zu dem, was ich spiele? Da kann ja sonst nichts Cooles laufen. Elektronisch beeinflusster Hip Hop war mal ganz groß. Ansonsten ist da nichts wenn man das Radio anschaltet.

Arti: Und was hältst du nun von dem Musikbeispiel?

Shed: Ich find’s traurig, wie wenig sich im in Hinblick zum Techno verändert hat. Aber was soll’s! Wir hören seit 200 Jahren Mozart und Gitarrenmusik gibt’s ja auch schon seit 100 Jahren. Da ist ja auch noch niemanden das Kotzen gekommen.

Arti: Ich hoffe, das passiert beim Techno nie?

Shed: Na, ja bei Gitarrenmusik schon. (lacht) Da fragt man sich: "Warum hört ihr nicht endlich auf damit?" Seit 1940 gibt’s die Musik. Und in zwanzig Jahren wird man das gleiche über Techno sagen.

Arti: Meinst du nicht im Techno wird noch mal was bahnbrechend Neues passieren?

Shed: Natürlich wird da was passieren, ganz klar. Aber eben andersrum, denke ich. Die Klassik ist auch nicht so weit vom Techno entfernt. Der Takt bleibt derselbe und so viele Medien gibt es nicht, wenn man nicht irgendwann anfängt diese atonalen Sachen gut zu finden. Aber die sind schwer verständlich, einfach nicht vorstellbar, schier unmöglich.

Arti: Das war’s. Danke dir für das coole Gespräch.

Shed: Darauf ´n Bier!!!

 

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Robert Brown
Robert Brown am 14.03.2017 um 11:18 Uhr
I love this article. This guy is so intelligent and touching!

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