Bestimmend. Begnadet. Bezaubernd – Eine Ode an Anne Will

Titelbild

Sie kann Lampen reparieren, Wellensittiche nachahmen und auf zwei Fingern pfeifen. Sie ist Botschafterin für den "Raum der Namen" des Holocaust-Denkmals in Berlin sowie Botschafterin für "Gemeinsam für Afrika". Sie moderierte Tagesthemen und Sportschau und darf seit 2007 ihre eigene Sendung kreieren: Anne Will. Die Ikone der deutschen Polit-Talkshows.
Was wäre ein Sonntagabend ohne sie? Wer nach dem Tatort bisher nie so recht wusste, was er mit sich anfangen sollte, apathisch glotzend das Sofakissen von A nach B trug und vor lauter Verzweiflung schon damit begann, seine Hausschuhe zu putzen, der muss dies seit drei Jahren nicht mehr tun. Weil SIE kam und mit ihrer strahlenden Präsenz jene „Nach-dem-Tatort-Leere“ aus dem Weg räumte.
Vergnügen wir uns zunächst mit einem Brainstorming. Welche Assoziationen schleichen einem bei diesem Namen in den Sinn? Möglicherweise sind es  Dinge wie:
Apart, nachahmenswert, unerschrocken, wortgewandt, scharfsinnig, emanzipiert, intelligent, humorvoll, engagiert, tiefsinnig ...
Ja, so sieht es aus. So und nicht anders. Und wer sich nun Zähne fletschend ein Unverständnis in den Raum zu werfen getraut, beispielsweise mit den Worten: „Was. DIE???“, dem ist wohl bemerkt entgangen, dass Frau Will sich eines Faschings als König verkleidet hat, eine der intelligentesten Frauen des deutschen Fernsehns ist und zudem nie einen ganzen Sonntag für sich haben darf. Denn sonntags hämmert und werkelt es im Hause Will. So eine Sendung muss schließlich konsequent durchdacht werden. Von der Finanzkrise, über die doofe Jugend oder die Kopfpauschale bis hin zum Fall Kachelmann – all das, was sich als aktuell bezeichnen lässt, wird durchgekaut, gemampft, gefressen  aber nicht alles wird geschluckt. Ganz präzise hängen geblieben zwischen den brennenden Themen ist der glorreiche Auftritt des Bischof Overbeck diesen Jahres. Da ertönten peinliche Phrasen aus seinem Munde wie „Homosexualität ist eine Sünde“ und „...entspricht nicht der Natur“. Ach so? Was darauf folgte war ein selbstgefälliges Lächeln seinerseits. Ob Anne Will kurz schlucken musste, um Fassung rang oder für eine Sekunde keine Luft bekam, weiß niemand. Denn genau hier liegt eines ihrer zahlreichen Talente: Sie blieb souverän und fragte kühn: „Warum maßt die Kirche sich an, den Menschen vorzuschreiben, welche Sexualität sie leben dürfen?“ Respekt Frau Will! Und dann begann es: Das Diskutieren und Egozentrieren - jeder der geladenen Herren auf seine ganz eigene narzisstische Weise. Und was tut Anne Will in Momenten wie diesen? Sie lächelt. Und zwar immer im richtigen Augenblick. Als hätte sie eine Liste verfasst. Es ist ein spöttisches Lächeln. Es ist ein weises Lächeln. Und während ihre Gäste sich selbst viel zu ernst nehmen, scheint Anne Will, von Leichtigkeit beflügelt, dem Ganzen eine Packung inneren Humor beizulegen. Charmant erhebt sie irgendwann das Wort. Vermischt mit ihrer leisen Strenge, ergibt sich eine Mélange der charismatischen Art. Nicht selten kommt es vor, dass man auch ihr das Wort abschneidet. Noch öfter aber darf man beobachten, wie ihre Gäste auf eine Frage hin versuchen klamm heimlich und gewitzt durch die Hintertür zu entwischen. Anne Will hingegen scheint genau zu wissen, wo sich diese Tür befindet. Sie schneidet dem Redner flott und geschwind den Weg ab und bohrt und bohrt, setzt alles in ihren Humor setzt, noch viel mehr in ihre Mimik, bis  sie die Antwort auf ihre Frage bekommt – auch, wenn sie diese bereits zum etwa fünfzehnten Mal stellen  musste. Das ist eine Professionalität, die haben wir gern. Ihre Eloquenz ist überdies beneidenswert, selbst ihre Versprecher erscheinen glaubwürdig. Und naiv fragt sich der gebannte Zuschauer: „Stellt sie eine neue These auf?“.
In einem Gespräch mit Alice Schwarzer entstand einmal die Annahme, dass sich männliche Fernsehmoderatoren bis zum sechzigsten Lebensjahr keine Sorgen um ihren Sendeplatz machen müssten, Frauen hingegen bereits ab vierzig beginnen nervös zu werden. Kein Grund aber für die 44-jährige Anne Will – denkt man. Doch seit Wills wohlverdienter Sommerpause beginnt sich ein gewisser G. Jauch, 54 J. in die ARD zu schmuggeln und ihr den Sendeplatz zu stehlen. Was wird erwartet? Dass Monsieur noch mehr Einschaltquoten einbringt, als Anne Will es bereits tut? Sind 5 Millionen der ARD nicht genug? Eine Schande, könnte man meinen. Doch beleuchten wir die Sache optimistisch. Immerhin wurde die Polit-Talkshow nicht ganz zum Tode verurteilt, sondern lediglich auf einen Werktag verlegt. Schlecht für die apathischen Tatortopfer. Gut für Frau Will. Denn die darf ab Herbst nächsten Jahres sonntags endlich einmal die Beine hoch legen und um 21:45 Uhr ihrem Kollegen bei der Arbeit zusehen.
Ein Doppelpunkt zum Schluss: Gedanken über Anne Will sollten niemals beendet werden, ohne ihre Augen erwähnt zu haben - insbesondere ihre 'innere Lampe', wie einst in der ZEIT zu lesen war. Das sei an dieser Stelle getan.
Schließen wir mit einem einmalig aussagekräftigen Zitat Wills, aufgegabelt im Spiegel 7/2007 :
"Ich beobachte, dass Frauen fragen, weil sie wirklich etwas wissen wollen – nicht, um bestätigt zu bekommen, was sie schon zu wissen glauben."

Post Scriptum: Ein kritischer Aspekt möchte dennoch anmerkend hinzugefügt werden: Trotz ihrer exzellenten und unabdingbaren Schönheit - Beige steht Ihnen nicht, Frau Will. Rot und weiß hingegen ganz wunderbar. Aber nicht Beige. Um Himmels Willen, bitte kein Beige!

Foto: dpa

Kommentare & Bewertungen (3) 

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unbekannt
(unbekannt) am 18.08.2010 um 22:16 Uhr
hahaha.
wer plappert denn da aus der s-bahn.
Olga Asinska
Olga Asinska am 18.08.2010 um 15:21 Uhr
Für und ihr unaufdringliches „Pssss“ zu den Angestellten.
unbekannt
(unbekannt) am 16.08.2010 um 13:59 Uhr
nett.
schöne worte für eine schöne frau.

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