„Das goldene Joch“ von Eileen Chang

Titelbild

Liebe Eileen Chang,

wollte ich diesen Brief abschicken, so müsste ich ihn ans Jenseits adressieren. Bereits 1995 starben Sie vereinsamt in Ihrem Apartment in Los Angeles. Sie wurden im Shanghai der beginnenden 20er Jahre geboren und durchlebten eine Kindheit zwischen den Extremen der chinesischen Tradition auf Seiten Ihres dem Opium verfallenen Vaters sowie der Moderne durch Ihre westlich geprägte Mutter. Ihrem Studium in London kam der Krieg zuvor; als dekadente Autorin deklariert, reisten Sie schließlich 1955 aus dem kommunistischen China nach Amerika aus. Sie gelten als berühmteste chinesische Schriftstellerin, doch am Ende Ihres Lebens entflohen Sie allem Menschlichen und gerieten somit beinahe in Vergessenheit.

Tropfen für Tropfen floss der Pflaumensaft am Tisch herunter, wie eine Wasseruhr bei Nacht… ein Tropfen, noch ein Tropfen, ein Uhr, zwei Uhr, ein Jahr, einhundert Jahre. Diese endlose Stille! Qiqiao stand regungslos, den Kopf auf eine Hand gestützt. Im nächsten Moment drehte sie sich hastig um und lief nach oben. Sie hob ihren Rock und stolperte die Treppe hinauf, wobei sie ständig gegen die dunkelgrün getünchte Wand stieß. Ihre himmelblaue Jacke bekam kalkige Flecken. Sie wollte ihn vom Fenster im oberen Stockwerk aus noch einmal sehen.

Mit der nun auch in Deutschland veröffentlichten Trilogie, welche aus „Gefahr und Begierde“, „Das Reispflanzerlied“ und „Das goldene Joch“ besteht, wird man Sie jedoch nicht mehr vergessen können, Eileen Chang. Letzteres ist die titelgebende Erzählung und gleichzeitig Ihre bedeutendste Arbeit. In der Geschichte der schönen doch armen Qiqiao und ihrer glücklosen Ehe mit dem kranken Sohn einer begüterten Traditionssippe schreiben Sie auf sprachlich und psychologisch anmutige Weise gegen die verbreitete „haipai“ Liebeskommerzliteratur an. Kälte, Verletzungen sowie das Scheitern von Beziehungen sind die beherrschenden Themen, die Sie dem bürgerlichen Sittengemälde samt bourgeoisen Familienhierarchien und dem archaischen Abbinden der Füße von jungen Mädchen entgegenstellen.

Qiqiao lag im Halbschlafauf ihrer Opiumcouch. Dreißig Jahre hatte sie das goldene Joch nun getragen und mit seinen schweren Kanten etliche Menschen erschlagen. Die, die es überlebt hatten, waren halb tot. Ihr Sohn, ihre Tochter und die gesamte Verwandtschaft hassten sie bis aufs Blut, das wusste sie.

Ich danke Ihnen für die Möglichkeit eines Einblicks in die chinesische Kultur
– und literarischen Genuss.

U.

Ullstein Verlag
19,90 €
2011 erschienen

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Über die Autorin:
Ulrike Bauer studiert "Medien und politische Kommunikation" im Master an der FU Berlin. Im Bachelor befasste sie sich u.a. mit Sozial- und Kulturanthropologie, welche Fragen der Globalisierung und kultureller Differenzen behandelt. In ihrer Literaturreihe geht es vornehmlich um das Schaffen von Autorinnen aus Südamerika, Afrika und Asien.

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James Davis
James Davis am 05.12.2016 um 21:06 Uhr
What a great article that is. I am really in love with that!

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