Die Geister des Geistes

Das Figurentheater Wilde & Vogel beschloss das Theaterjahr 2015 im Westflügel mit „Toccata – Ein Nachtstück über Robert Schumann“. Site4 von Christina Mergel (23.12.2015)
Titelbild

Farblos und trist wirkt das von schwarzen Tüchern verhangene Bühnenbild. Ins Dunkel getaucht ist alles bis auf einen zentralen Tisch, auf den sich schwer, aber lautlos atmend eine weiße Gestalt stützt. Nicht nur die Bühne, sondern auch das Gesicht dieser Figur ist verhangen. Mit ihrer knochigen Hand schlägt sie mechanisch einen langsamen Takt auf die Tischplatte, die den Ton über Mikrophon und Lautsprecher verstärkt in den Raum ausstrahlt.

Dieses gespenstische Szenarium bildet über eine lange Zeit die Konstante der Inszenierung, auch als die Welt um diesen schwermütigen Robert Schumann sich mit den Dämonen und Zauberwesen seiner eigenen Fantasie zu beleben beginnt. Mit einer geschickten Beleuchtung wird der Blick auf die kleinen und großen Akteure der einzelnen Szenen gelenkt. Große Schatten werden an die Wand geworfen, Marionetten bewegen sich leichtfüßig am Boden und durch die Luft, Masken zeigen die Qual eines stummen Schreis, langbeinige Wesen staksen durch den Raum, Handpuppen versuchen einen Kontakt zum apathischen Schumann herzustellen. Dessen Bemühungen, in Tagebüchern der eigenen Seelenlandschaft eine sprachliche Form zu geben, bilden – sowohl über Aufnahmen eingespielt als auch im live-Vortrag – die Textgrundlage von „Toccata“. Die mindestens ebenso bestimmende musikalische Grundlage stellen die Kompositionen an der Hammond-Orgel von Charlotte Wilde dar. Von sanften Melodien, die ein „schlechtes, melancholisches Befinden“ (Zitat Robert Schumann) vertonen, bis zu mächtigen Klängen, deren Widerhall sogar in der Vibration der Zuschauertribüne spürbar ist, wird die Bandbreite dieser Orgel voll ausgeschöpft. In ihr spiegelt sich die Idee des Pedalflügels, der zu Schumanns Lebzeiten modern war und für den der Komponist sogar eigens Stücke schrieb.

Wilde und ihr Instrument bleiben die meiste Zeit schemenhaft als eine Art Traumgestalten hinter den durchschimmernden Tüchern verborgen. Auch Michael Vogel, der seinen traurigen und schauderhaften, zum Teil auch vorwitzigen Figuren erst das Leben einhaucht, bleibt als Spieler meist im Hintergrund. Selbst dann, wenn hinter einem doppelten Vorhang die Gestalt eines pferdeköpfigen Wiedergängers im tatsächlichen Hintergrund schwebt, gebührt ihr allein der szenische Fokus. Viele Figuren zeigen nach und nach ihr doppeltes Gesicht. Hoffnung in all der Verzweiflung geben ein Schmetterling, den Michael Vogel aus einem zerfetzten Papier zum Fliegen bringt, und ein spitzzähniges Männchen, das Seifenblasen durch den Raum schweben lässt. In seiner Handlungsunfähigkeit lässt sich Robert aber nur schwerlich zur am Boden kauernden Clara bewegen.

Der innere Kampf mit den eigenen Wahnvorstellungen bieten die künstlerischen Ansatzpunkte für Wilde & Vogel. Überzeugend und bildgewaltig überträgt das Duo unter der Regie von Frank Soehnle die seelischen Qualen Robert Schumanns auf die Bühne. Bilder, die an Goyas „Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer“ denken lassen, bilden eine stimmungsvolle Komposition, die ihre Befangenheit auch im Publikum spürbar werden lässt. Vogels Feingefühl beim Spiel mit den Figuren und Wildes ausdrucksstarkes Orgelspiel beeindrucken nicht nur seh- und hörbar, sondern werden gleichermaßen zum eigenen Gefühl. Die in der (Vor-)Weihnachtszeit so viel beschworene Besinnlichkeit bekommt hier ihre eigentliche Bedeutung auf neue Weise zurück. Bereits im Jahr 2000 feierte „Toccata“ Premiere und hat auch 15 Jahre später nicht an Wirkkraft verloren. Das Hausensemble des Westflügels hat zweifellos einen entscheidenden Anteil daran, dass das Theater nun verdient mit dem „Theaterpreis des Bundes“ ausgezeichnet wurde. Mit „Toccata - Ein Nachtstück über Robert Schumann“ zeigen Wilde & Vogel eine gelungene Mischung aus handwerklichem Können und künstlerischem Sinn. 

Ausstattung und Spiel: Michael Vogel

Live-Musik: Charlotte Wilde

Regie: Frank Soehnle

Foto: Matthias Friedrich

 

Kommentare & Bewertungen (4) 

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Mehta Kajal
Mehta Kajal am 07.08.2016 um 16:04 Uhr
great post
Ruben Miller
Ruben Miller am 17.03.2016 um 13:44 Uhr
Diese Kunst ist erstaunlich. Ich hatte die Gelegenheit, sie in Polen zu sehen, und bis zum heutigen Tag erinnere ich mich. Ich möchte sie wieder zu sehen!
Gaspard Rodriguez
Gaspard Rodriguez am 08.03.2016 um 22:19 Uhr
I have seen that art in Poland on a special tour. I am still in love with that. It's definitely the best performance I have ever seen!
Holly Hughes
Holly Hughes am 02.03.2016 um 07:43 Uhr
That's great news! I will definitely come to watch this piece of art. I'm looking forward for more news like that!

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