Die Traurigkeit der Fitnesskurse

An der VILLA Leipzig setzt sich Regisseurin Lena Franke in der Szenencollage „Heulsusen“ mit dem Thema Depression auseinander. Site4 von Sophia Richter (01.12.2014)
Titelbild

Obwohl schätzungsweise 3-4 Millionen Menschen in Deutschland von Depression betroffen sind oder einmal waren, wird die Krankheit gerne totgeschwiegen – erst durch prominente Betroffene wie Robert Enke oder Robin Williams rückt sie langsam ins gesellschaftliche Bewusstsein. In der Szenencollage „Heulsusen“ beleuchtet die Regisseurin Lena Franke das Thema von verschiedenen Seiten. Angefangen bei fast komischen Begegnungen mit überforderten Ärztinnen und Vertrauenslehrerinnen über soziologische Betrachtungen bis hin zu einer Aufzählung von allem, was traurig ist. Und das ist im Falle einer Depression alles: Treppensteigen, spielende Kinder, Fitnesskurse. Inszenatorisch wirkt das Ganze etwas unbeholfen, vor allem wenn zwischen den Szenen eine kleine Pause eintritt, in der alle SchauspielerInnen brav hinterm Vorhang verschwinden, nur um dann direkt wieder hervorzukommen. Doch an diesem Abend geht es nicht um technisch perfektes Theater, sondern um eine ernsthafte Auseinandersetzung mit einem wichtigen Thema.

Als Textvorlage dienen dabei Sachbücher, Lebenshilfe-Ratgeber und literarische Werke – auch von dem amerikanischen Autor David Foster Wallace, der sich 2008 nach jahrelanger Krankheit das Leben nahm. Seine Darstellung bringt das auf den Punkt, was das Reden über Depressionen so schwierig macht: „Ich weiß nicht, wie ich das beschreiben soll. Es ist, als könnte ich nicht weit genug raus, um ein Wort dafür zu finden. Es ist eher Grauen als Traurigkeit.“ Die Szene endet dann auch damit, dass die SchauspielerInnen sich ganz vorne auf die Bühne setzen und wimmern, weinen, schreien. Keine Worte. Andere Szenen wurden auch mit den SchauspielerInnen erarbeitet, die zum Teil selbst Erfahrung mit der Krankheit gemacht haben. Besonders bedrückend ist das Gespräch eines Ehepaars, das durch Lautsprecher-Bühnenanweisungen gelenkt wird: Der Mann kommt nach Hause, die depressive Frau sitzt am Tisch. Schon nach ein paar Worten kommt das Gespräch zum Erliegen. Anweisung aus dem Off: „Jetzt können Sie ein sachorientiertes Angebot machen.“ Schweigen. „Willst du einen Tee?“ Hier wird die Ohnmacht spürbar, die man den Betroffenen gegenüber empfindet, die Barriere, die sich nach und nach aufbaut.

Doch „Heulsusen“ geht über eine reine Darstellung der Krankheit hinaus und versucht auch, verschiedene Ursachen, Erklärungen und Auswege zu behandeln. Ein wichtiger Aspekt dabei sind die gesellschaftlichen Umstände: In einem Text des Soziologen Ulrich Bröckling erscheint der depressive Mensch als „unzulängliches Individuum“, das den Anforderungen seiner zunehmend vernetzten und beschleunigten Umwelt nicht mehr gewachsen ist und sich isoliert. Die szenische Illustration dieser Theorie ist leider recht schwarz-weiß gestaltet. Sehr viel passender wirken da die Auftritte der Schauspielerin mit einem Pandakopf aus Plüsch, die zwischendurch immer wieder auftaucht und als gespenstisches Zerrbild der Wohlfühl-Gesellschaft Playback singt: „Don't worry, be happy“ oder auch einfach nur „Lalalalala“. Optisch wird hier der Pop-Rapper Cro zitiert, der mit der Hymne einer ach so sorgenfreien Jugend bekannt wurde – alles „easy“. Bloß ist diese Pandamaske mit einem aufgeklebten Lächeln aus Panzertape verziert, so breit wie das in die Wangen geschnittene Grinsen von Heath Ledger als Joker.

Zum Schluss kommen optimistische Töne auf. Mit den Worten des kanadischen Comedians Kevin Breel, der sich seit Kurzem für eine veränderte öffentliche Wahrnehmung von Depressionen einsetzt: „Depressionen sind die große, klaffende Wunde der Gesellschaft, über die wir einfach ein Pflaster kleben und so tun, als gäbe es sie nicht. Nun, es gibt sie. Und weißt Du was? Das ist okay.“ Lena Franke und ihre SchauspielerInnen brechen an diesem Abend das Tabu und tragen dazu bei, die Berührungsängste zu verlieren und ein Bewusstsein zu schaffen.

Kommentare & Bewertungen

Jetzt selbst kommentieren/bewerten!
Traum Deutung
Traum Deutung am 14.01.2015 um 14:04 Uhr
Diesen Teil kann man nicht oft genug schreiben:
„Depressionen sind die große, klaffende Wunde der Gesellschaft, über die wir einfach ein Pflaster kleben und so tun, als gäbe es sie nicht. Nun, es gibt sie. Und weißt Du was? Das ist okay.“

© 2017 artileipzig.de - Sonja Laaser. All rights reserved.
all graphics, logos, designs, page headers, buttons, icons and other service names are the trademarks of nachtausgabe.de GmbH.