Diebstahl im Weltall?

Eine 25-jährige Inszenierung feiert ihren Abschied: Zur Dernière von Gyula Molnàrs „Gagarin“ hatte man im Westflügel Lindenfels am vergangenen Wochenende geladen. Site4 von Christina Mergel (18.06.2015)
Titelbild

Aus dem Dunkel tritt ein Mann in den Lichtkegel des Scheinwerfers. Es ist eine karg ausgestattete Bühne, in die er seinen Fuß setzt: rechts ein Kassettenrekorder, eine kleine Gipsfigur und ein verschnürtes Päckchen, in der Mitte ein gelber Hula-Hoop-Reifen und links ein einfacher Stuhl. Dieser Mann, Gyula Molnàr, spielt ein Tonband ab, steigt dazu in den gelben Reifen und lässt diesen um die Hüften kreisen. Daraus wird eine kleine Tanzeinlage. Mit viel Ruhe und Geduld wiederholt Molnàr seine Bewegungsabläufe immer wieder. Die Choreographie, die am Ende als reine Bewegung auch ohne den Reifen funktioniert, schließt mit dem Verstummen der Musik. Der Tänzer, dessen Gesicht inzwischen durch die sanft gesteigerte Beleuchtung gut sichtbar ist, beginnt zu sprechen: Alles, was er an diesem Abend präsentiere, sei noch provisorisch. Im Hintergrund werde zukünftig eine schwarze Plakatwand voll von kleinen weißen Ziffern und Zahlen gespannt sein und auch die eben vollführte Hula-Hoop-Performance müsse fortan dem Tanz einer Bananenschale weichen. - Aha! Angesichts der Tatsache, dass alle Anwesenden in Kenntnis gesetzt wurden, dass das Präsentierte nicht nur auf 25 Jahre Spielzeit zurückblicken kann, sondern heute auch zum allerletzten Mal zu sehen ist, wird die Ironie über die optimistischen Prognosen für die Inszenierung zum treffsicheren Lacher. Noch schmunzelnd lässt sich nicht leugnen, mit welch einfachen Mitteln Molnàr die Imaginationskraft seiner Zuschauer in Gang setzt. So wie eben noch das bloße Hüftkreisen den Hula-Hoop suggeriert hat, so entstehen nun Bühnenbild und tanzendes Obst vor dem inneren Auge.

Weg von der Selbstreflexion des Theaters taucht Molnàr mit seinen Zuschauern dann ein ins eigentliche Thema: die Raumfahrt. Er erzählt von den frühen Zeiten des Kalten Krieges, vom Wettlauf ins All, von den piependen Satelliten der Sowjetunion und dem schlagenden Herzen der Hündin Laika. Dann schlüpft Molnàr – indem er den Stuhl auf den Boden legt und so den Raum kurzerhand um 90° dreht – selbst in die Rolle Gagarins. Während vom Band die Original-Tonaufzeichnungen aus Gagarins Raumkapsel laufen, spielt Molnàr die Szene vom Start bis zur Schwerelosigkeit auf seinem Stuhl sitzend und doch auf dem Rücken liegend nach. Bald fällt er aber wieder aus der Rolle, um das Publikum zu beruhigen: „Das war nur eine Simulation.“

So springt Molnàr weiter von Ebene zu Ebene: der Theatertheoretiker wird Erzähler, wird strenger Ausbilder Gagarins, wird Interviewer Gagarins, wird Gagarin selbst und wird ein Versteckter, der ein Ohr im Schnee findet – es ist kalt auf Kamtschatka. Auch Verschwörungtheoretiker kommen auf ihre Kosten: Wurde Gagarin gar im Weltall gestohlen?

Viele Requisiten braucht es nicht. Was nicht faktisch vorhanden ist, entsteht durch Worte, Gesten und Mimik. Gyula Molnàr ist ein Profi darin. In 60 Minuten bietet er ganz allein auf der Bühne einen kurzweiligen Flug durch Zeit und Raum. Wie das Stück enden soll, wenn es seinen provisorischen Status verlassen hat, berichtet Molnàr auch. Tatsächlich endet es für ihn mit Jubelrufen, Rosen und Glitterregen. Sichtlich gerührt verabschieden sich der sympathische Künstler mit dem charmanten Akzent und die Zuschauer gemeinsam von einem liebgewonnen Stück!

Spiel: Gyula Molnàr

Regie: Francesca Bettini

Bild: Westflügel

Weitere Artikel der Autorin gibt es hier.

Kommentare & Bewertungen

Jetzt selbst kommentieren/bewerten!

© 2017 artileipzig.de - Sonja Laaser. All rights reserved.
all graphics, logos, designs, page headers, buttons, icons and other service names are the trademarks of nachtausgabe.de GmbH.