Droht der Berliner Clubszene der Mainstream?

Die Berliner Clubszene verändert sich vergleichbar rasant wie die gesamte Stadt. Sie zieht von Mitte und Prenzlauer Berg nach Kreuzberg, Neukölln und Wedding. Sie hat sich professionalisiert und internationalisiert. Site4 von Lutz Leichsenring (25.09.2011)
Titelbild

Das ist eine Entwicklung, die wir durch zunehmende Auflagen der Behörden, steigende Mieten und Konkurrenzdruck beobachten können. Beim "Club der Visionäre" darf man kein Floß mehr nutzen, der "Tresor" musste eine Lüftung für mehrere Hunderttausend Euro installieren, beim "Kater Holzig" ging es um eine Sprinkleranlage. Ob das nun für weniger "Coolness" sorgt? Ansichtssache. Aber natürlich führt dies zu zunehmendem Druck, Umsätze generieren zu müssen. Die Szene kann weniger experimentell arbeiten und braucht bei Investitionen Planungssicherheit. Dennoch sind langfristige Mietverträge Mangelware. Dieser Gefahr kann entgegengewirkt werden: Bereitstellung von landeseigenen Flächen, politischen Druck auf Immobilien-/Grundbesitzer ausüben, Ausweisung von mehr Mischgebieten und weniger Wohngebieten. Flächen und geeignete Gebäude gibt es (noch) genug in Berlin, aber die Inhaber "bunkern" lieber, als einen Club als Zwischennutzer aufzunehmen. Dabei sorgen ja Clubs nachweislich für eine positive Stadtentwicklung. Sie waren immer die Vorboten für eine Aufwertung eines Kiezes und werden leider allzu oft Opfer ihres eigenen Erfolgs.

Momentan profitieren die Clubs noch sehr vom Tourismus. Die Besucherstruktur vieler Clubs besteht aus über 50% Städtereisender. Da Berlin im Ausland aber keinen Ballermann-Ruf hat, sondern bekannt für seine divergente Musik- und Clubkultur ist, kommen in erster Linie "musikgetriebene" Touristen. Über 10.000 "Easyjetsetter" sorgen jedes Wochenende für ein internationales Flair, ohne negative Auswirkungen in Größenordnungen wie man sie z.B. auf der Reeperbahn in Hamburg erlebt. Bierbikes und Pubcrawls bleiben - in Anbetracht 21 Millionen Übernachtungen - noch Ausnahmeerscheinungen. Solange Berlin Musikkultur verkauft, werden weiterhin vorwiegend junge, alternative Touristen an die Spree pilgern, die auch potentielles Klientel für die Opern, Theater und Museen der Stadt sind. 

Fazit: So viele Clubs, so viel Internationalität und so eine Vielfalt gab es noch nie zuvor in Berlin. Die Stadt genießt durch seine freie Szene einen einen exzellenten Ruf - weltweit. Doch der Mainstream droht, wenn die Akteure im Kampf gegen Zugezogene, Ewiggestrige und Investoren keinen Artenschutz erhalten. Das Projekt MUSIK2020 (musik2020.de) fordert eine Institutionalisierung der Musiknetzwerke Clubcommission, Label-Commission und Berlin Music Commission, um Einfluss auf die Stadtplanung zu bekommen und die Entwicklung der Labels, Musiker und Spielstätten zu fördern. 

Die Kreativen der Stadt müssen jetzt den Handlungsspielraum bekommen, um die Trends der nächsten 20 Jahre setzen zu können.

 

Über den Autor:

Lutz Leichsenring ist Pressesprecher und Vorstandsmitglied der Clubcommission e.V. - dem Verband der Berliner Club-, Party- und Kulturereignisveranstalter und Geschäftsführer der Agenturen "YOUNG TARGETS" und "NA-MEDIA SocialSoftware". Seit über 10 Jahren beschäftigt er sich mit der Entwicklung von Marketingtrends der Bereiche Kultur-, Gastronomie- und Club-Szene, online und offline. Bei artiberlin erscheint von ihm monatlich eine Kolumne zu diesen Themen.

 

Weiterer Kommentar: Sandbank oder Stahlbeton?

 

 

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