Film: Wenn aus Liebe Kontrolle wird...

Die Schauburg zeigt den diesjährigen Berlinale-Gewinner „Mutter und Sohn“ von Calin Peter Netzer. Site4 von Christina Mergel (20.06.2013)
Titelbild

Eine Frau: Anfang 60, meist goldbehangen und gekleidet in teuren Pelz, erfolgreiche Architektin und angesehenes Mitglied der Oberschicht Bukarests. Ihr Name ist Cornelia (Luminita Gheorghiu) und eigentlich will sie nur eines sein: Mutter.

Schon im Anfangsdialog des Films mit ihrer Schwägerin und besten Freundin Olga (Natasa Raab) wird klar, warum Cornelia bei der diesjährigen Berlinale der Titel der „unsympathischsten Figur“ zuteil wurde. Und so scheinen die Rollen im Film schnell verteilt: die besitzergreifende Mutter ohne Respekt vor der Privatsphäre des eigenen Sohnes auf der einen Seite, das unterdrückte Kind, das sich mühevoll ein selbstständiges Leben aufzubauen versucht, auf der anderen.

Als der Sohn Barbu (Bogdan Dumitrache) bei einem Autounfall einen 14-jährigen Jungen tödlich verletzt, erreicht die Zerrüttung in der Mutter-Sohn-Beziehung einen neuen Höhepunkt. Cornelia setzt erbarmungslos alle Hebel in Bewegung, um Barbu vor einer Gefängnisstrafe zu bewahren – Lüge, Manipulation und Korruption sind dabei ihre Mittel. Doch mehr und mehr werden die Schwarz-Weiß-Zeichnungen der Figuren dekonstruiert. Cornelia entpuppt sich auch selbst als Opfer ihrer krankhaften „Mutterliebe“ und quält sich damit, das perfekte Bild ihres Sohnes in der Öffentlichkeit aufrechtzuerhalten. Barbu dagegen verliert zunehmend den Status als Opfer. Sein unbeherrschtes Wesen tritt nach einer anfänglichen Apathie stärker zutage und weder der Unfall noch der Konflikt mit seiner Mutter reichen als Rechtfertigung für Barbus aggressives Verhalten gegenüber dem Vater (Florin Zamfirescu).

Eigenes Bild 2 (gross)Rein stilistisch bleibt Regisseur Netzer den Techniken, die das Genre des rumänischen Films auszeichnen, treu: unruhige Handkameraeinstellungen mit fast dokumentarischer Nähe zu den Darstellenden, Verzicht auf Off-Musik, eine triste Grundstimmung kontrastierend zur bunten Party- und Kulturwelt der gesellschaftlich höheren Kreise. Diese Form der Inszenierung stellt zwar nicht wirklich etwas Neues dar, erzielt aber die gewünschte Authentizität. Das liegt nicht zuletzt aber auch an der überzeugenden Leistung der Schauspielerin Luminita Gheorghiu. Eingängig problematisiert sie die Figur der Cornelia und bewahrt diese so vor der Eindimensionalität des „bösen Charakters“.

„Mutter und Sohn“ besticht durch Intensität und Echtheit und gewann verdient den Goldenen Bären als bester Film.

 

Rumänien, 2013, 112 Minuten

weitere Informationen zum Film

weitere Vorstellungen in Leipzig:

Schauburg, 22. und 23. Juni, jeweils 20 Uhr

Fotos: X Verleih

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