Fischbachtal, hörst Du mich?

Wie das 13. Nonstock-Festival ein kleines Tal im vorderen Odenwald in eine Tollwiese verwandelt. Site4 von Redaktion ARTiBERLIN (29.08.2011)
Titelbild

Text: Jonas Zipf

                                                                                                                                                            Die Festival-Organisatoren haben Glück. Die letzten Wolken haben sich verzogen und rechtzeitig zum Beginn des 13. Nonstock-Festivals ist die Sonne herausgekommen. Zuerst macht sich das Nonstock-Festival für die Bewohner des Fischbachtals deshalb im nahen Naturschwimmbad Niedernhausen bemerkbar. Einige der Festival-Besucher haben hier übernachtet und geniessen jetzt den ersten ernst zu nehmenden Sonnentag dieses Sommers. Später werden sie zu Fuß, bewaffnet mit Bollerwägen voller Bier, Zelten und einer Menge guter Laune auf den Berg Richtung Nonrod ziehen. „Dieses Festival ist Kult,“ sagt Andy aus dem nahen Bensheim, „von den Darmstädtern, Odenwäldern und Bergsträßlern war jeder schon mal hier“.
 
Alleine das Ambiente ist Trumpf. Vom Naturschwimmbad geht es erst einmal hinauf zum Schloss Lichtenberg. Der sogenannte vordere Odenwald, das Fischbachtal von oben: Auf allen Seiten Fachwerkbauernhöfe, Ein-Familien-Häuser und – bis in weite Ferne – sattes Grün. Hier scheint die Welt noch in Ordnung. Zumindest 363 Tage im Jahr. An den restlichen zwei findet auf einer Kuhwiese zwischen Niedernhausen und Nonrod das Nonstock-Festival statt.
 
Auf einer Wiese unterhalb eines Bolzplatzes sind Bühnen aufgebaut, eine große und eine kleine, mehrere Zelte, Wägen mit den üblichen Fressalien und Getränken. Der Zeltplatz ist bereits gut gefüllt. Bei den festival-typischen Trinkspielen wie „Flunky-Ball“ und „Bier-Bong“ glüht hier die obligatorische Festival-Jüngerschaft vor. Auf den ersten Blick sieht alles nach einem ganz normalen, relativ klein geratenen, Rock-Festival auf einer Kuhwiese aus: wenn es regnet, versinkt alles im Matsch –  daher der Name Nonstock, ein ironisch gemeinter Mix aus dem Dorf-Namen Nonrod und Woodstock.

Wenn allerdings die Sonne scheint, nonstop, so wie in diesem Jahr, entsteht ein leichtes Hippie-Gefühl. Seifenblasen schwirren durch die Luft. Irgendwo ist der für Festival-Camper standesgemäße Schrei nach einer ominösen „Helga“ zu hören und Andy aus Bensheim zeigt stolz seinen Unterarm, mit dem er Festival-Bändchen sammelt. „Bis zum nächsten Sommer soll mein Arm so aussehen wie der von Wolle Petry“. Von den meisten der einströmenden Besucher noch vollkommen unbeachtet, hat währenddessen die erste Band längst damit begonnen, zu spielen.

Erst auf den zweiten Blick wird klar, daß Nonstock ein ganz besonderes Festival ist. Die Lage der Wiese ist ein Sinnbild für das, was hier passiert. Die historische Einflusssphäre des Darmstädter Großherzogs reichte nur bis Schloss Lichtenberg. Auf dem Anstieg Richtung Nonrod mussten sich seine Truppen dem Raubritter Rodenstein geschlagen geben, der am anderen Ende des Tals seine gleichnnamige Burg unterhielt. Auch die Nonstocker – und so nennen sich die vielen, emsigen, größtenteils ehrenamtlichen Organisatoren und Helfer des familiären Festivals – kämpfen seit Jahr und Tag um die Existenz ihres Festivals.

Es sind ca. 100 junge Menschen, die die beiden Hauptverantwortlichen Burkhard Röder und Gösta Gantner im Rahmen eines gemeinnützigen Vereins – „des Kulturwiese Nonstock e.V.“ – um sich scharen. Meistens machen ihnen das Wetter, die Behörden oder chronisch leere Kassen zu schaffen. Trotzdem gelingt es ihnen Jahr für Jahr bis zu 2000 Zuschauer auf ihre Wiese zu locken. Ein Großteil der Bands und Zuschauer kommt traditionell aus der Region, einige wenige von weiter weg. „Jeder wusste stets das besondere Flair, das kreative Chaos dieses Festivals zu schätzen.“ betont Burkhard Röder, „das Catering wird hier nicht angeliefert, sondern vor Ort handgemacht. Die Bands schlafen in einer lokalen Pension. Davon sind die immer geflasht, egal, wo die herkommen.“ Das Festival basiert auf einer Benefiz-Grundidee: die meist geringen Erlöse gehen direkt an eine gemeinnützige Organisation, in diesem Jahr an die Initiative „dabei sein“, die es sozial schwächer Gestellten ermöglicht, an (Hoch)Kulturangeboten teilzunehmen.

Die beiden Organisatoren bilden ein skurriles Paar: Röder ist Berufsschullehrer, ab und zu arbeitet er noch im nahe gelegenen Landwirtschaftsbetrieb seiner Eltern, fährt auf einem Traktor durch das Fischbachtal. An den beiden Abenden des Festivals wird er dann auf der Bühne als Moderator zum stimmungsmachenden Berserker. Gantner ist da etwas besonnener: Familienvater, promovierter Philosoph und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Uni Heidelberg: „Manchmal fragt sich schon, warum wir uns das jedes Jahr antun, so ohne Geld und gegen alle Widrigkeiten, wie Theo gegen den Rest der Welt.“

Im letzten Jahr war es gar ein Förster, dem es gelang, die Ausrichtung des Festivals das erste Mal seit 12 Jahren gegen den dezidierten Willen der Politik und Dorf-Bewohner zu kippen. Die Jagdsaison war zum vorgesehenen Termin noch nicht abgelaufen. 2011, so haben sich Röder und Gantner vorgenommen, würde alles anders werden. 2011 würden sie das erste Mal ein größeres finanzielles Risiko eingehen und ein prominenteres Line-Up als in den früheren Jahren aus dem Hut zaubern. In diesem Jahr nennen sich die Festival-Headliner also Großstadtgeflüster, Emil Bulls, Russkaja oder Casper.

„Also, wir sind wegen Casper gekommen.“ Einige der Besucher sind in diesem Jahr tatsächlich von weit her angereist: „Was der momentan macht, finde ich total wichtig. Es war an der Zeit, daß mal jemand diese verkrusteten Szenen ein bisschen aufmischt.“ In der Tat sorgt der Berliner Rapper Casper im Moment mit seinem undogmatischen Mix aus Hip Hop, Indie und Elektro für viel Wirbel. Sein Style bringt das Programm beider Festivalabende auf den Punkt: Röder und Gantner haben einen Querschnitt aus Acoustic, Ska, Punk, Hip Hop, Metal- und Hardcore versammelt. Das Besondere: die Bands spielen im dichten Wechsel zwischen großer Show- und kleiner Akustik-Bühne, so daß auf der Kuhwiese ein zweitägiger, dramaturgisch geschickt angeordneter Crossover-Klang entsteht.

Die musikalischen Wechsel sind aprubt, aber passend. Von den gegrölten Lauten und harten Riffs der schwedischen Hardcore-Band „Adept“ geht es direkt zum Unplugged-Solo-Konzert des Berliner Songwriters Woody und dann wieder zurück zum durch melodische Elektro-Linien hervorragend getragenen Melodic-Core einer Band wie „His Statue Falls“. Wer in der Zwischenzeit eine Pause braucht, zieht sich in das Filmzelt zurück – vielleicht eines der aussergewöhnlichsten Features dieses Festivals: Mitten im Odenwald sitzen erschöpfte Pogo-Tänzer gemütlich auf Perser-Teppichen über einer Kuh-Wiese, rauchen Wasserpfeiffe und sehen äußerst unterhaltsame Kurz-Filme, ein Best-Of des benachbarten Filmfests aus Weiterstadt. Es sind diese liebevoll gestalteten Ränder, die Nonstock zu einem besonderen Festival machen: der Wassertank in einem alten Gülle-Silo, die lokale Metzgerei mit der besten Paprika-Wurst der Welt, ein Publikum, das aufeinander achtet, sich notfalls mitten im Gestöber einer „Wall-of-Death“ vom Boden aufhilft.

Kurz vor seinem Auftritt sitzt Casper mit seiner Band in einem Backstage-Zelt. „Wir sind gerade viel unterwegs, von einem Riesen-Festival zum nächsten. Da kommt so ein Nonstock echt als willkommene Abwechslung.“ Casper und seine Band spielen seit Teenager-Jahren zusammen. „Ich meine, es gibt einen Unterschied zwischen Musikern und Muckern.“ Und den kennt Capser genau. Irgendwo auf einer Kuhwiese bei Nonrod verläuft die Grenze zwischen Kunst und Kommerz. „Hier wird der Kuchen von der Schwiegermutter des Veranstalters gemacht – und das ist der beste Kuchen, den ich seit langem gegessen habe!“ 

Vor seinem Auftritt beobachtet er von der Seitenbühne die Essener Punk-Rocker „Oma's Zwerge“. Die scheinen mit Nonstock bestens vertraut. Ihr Song „Alles oder Nichts“ wird von Burkhard Röder auf der Bühne gerade zur Festivalhymne ausgerufen. Plötzlich sind alle Ehrenamtler des Kulturwiese e.V. auf der Bühne und feiern sich selbst. Die Situation könnte für das zahlende Publikum durchaus wie eine Insider-Party aussehen. Aber die „Nonstocker“ suggerieren Offenheit, es gelingt ihnen selbst jetzt, alle mitzunehmen und zu begeistern. Immer wieder weisen die auftretenden Bands auf die großartige Organisation und den dahinter stehenden persönlichen Einsatz hin. Bei einem größeren Festival würden sie das kaum tun. Nichts scheint hier selbstverständlich. Vieles ist hier selbstgemacht, ohne Frage auf absolut professionelle Weise, aber eben ohne das große Geld, und vor allem auf sehr familiäre, liebenswürdige Art und Weise.

Während Caspers Auftritts kommt dann plötzlich so etwas wie eine aggressive Stimmung auf. Casper nimmt auf die Riots in Madrid und London Bezug. „Wenn es endlich auch auf den deutschen Straßen mal losginge, ich wäre sofort dabei“. Jubel brandet auf und für einen Moment wirkt die beschauliche Landschaft wie eine unwirkliche Kulisse. In der ersten Reihe schreien 14-jährige Mädchen, hinter der Bühne warten die Homies. Plötzlich befinden wir uns im Setting eines MTV-Videos, Nonstock wirkt für einen kurzen Moment wie jedes andere Festival. „Fischbachtal, seid ihr da?“ 
 
Schon am nächsten Abend sind viele der Casper-Besucher abgezogen. Der Spuk war kurz. Die Headliner des zweiten Abends kommen auch aus Berlin und sind ebenfalls prominente Neuzugänge für Nonstock. Doch „Grossstadtgeflüster“ sind in ihren Texten und ihrem Auftreten einen Tick weniger prententiös, nehmen das Publikum auf sympathische Art einfach mit auf eine Reise und begeistern es mit ihrem eingängigem Elektro-Synthi-Pop. Und siehe es da: diesmal gelingt die Verbindung zwischen Kuhwiese und großer weiter Musikwelt voll und ganz. Im Laufe der Nacht wird die Festival-Gemeinde wieder bei sich ankommen. Es dauert nicht mehr lange bis zum traditionellen Früh-Schoppen mit dem ortsanasässigen Posaunenchor. Die Festival-Besucher, die bis zu diesem Abschluss bleiben, wissen, was Nonstock ausmacht: die letzten Bier-Fässer müssen geleert, sprich: ausgetrunken, werden. Von den gut hundert Freiwilligen kann kaum noch einer stehen. Und doch bleiben sie zusammen, bis zum letzten Tropfen. Dieses Festival ist eine äußerst charmante Mischung aus regionalem Volksfest und professioneller Festival-Kultur. Die Nonstock-Crew wird sich entscheiden müssen, ob das so bleiben kann oder ob man sich mittelfristig für den kommerzielleren Ansatz entscheidet. Es ist ihnen zu wünschen, daß sie sich weiterhin auf der Grenze ihrer Kuhwiese bewegen: zwischen großer Musik-Maschine und Lokal-Patriotismus, zwischen kalkuliertem Festival-Prozedere und Ausnahmezustand im Fischbachtal.

Der Weg nach Hause beginnt schließlich in einem Taxi. Der Fahrer hat offensichtlich einen Großteil des Festivals gesehen. „Ich weiß gar nicht, was an diesem Casper so besonders sein soll.“ Er erklärt mir, daß die Bewohner des anrainenden Dorfs Nonrod zum Festival freien Eintritt haben, die anderen Fischbachtaler im allgemeinen zahlen immerhin nur den halben Preis. „Wir stehen bis auf wenige Ausnahmen voll und ganz hinter Nonstock. Ich musste mich zwar im Lauf der Jahre  musikalisch erst an das ein oder andere gewöhnen. Aber jetzt weiß ich, wie Speed Metal und Ska klingen. Wir lieben dieses Festival.“ An seinem Amaturen-Brett klebt das Nonstock-Konterfei, eine schwarz-weiss-gescheckte Kuh. Zum Abschied wird er leicht sentimental: „Casper hin oder her, nächstes Jahr regnet's hoffentlich wieder. Ohne Matsch ist eine Kuhwiese schließlich keine Kuhwiese, oder?“

 

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