Freundschaft geschlossen. Teil 1

Titelbild

 

Es gibt sehr viele Chöre in der Stadt. Kirchenchöre, Kneipenchöre, Kuttenchöre, Weltmusikchöre, Kinderchöre, Schulchöre, Jazzchöre, Männerchöre, A-Capella-Chöre, Unichöre, weiße Gospelchöre. Und es gibt einen Chor in dieser Stadt, der gerne, wirklich sehr gerne, mehr als bloß ein Chor wäre. Dahinter steckt ein ähnlicher Wunsch wie bei Schauspielern, die gerne mehr und deshalb auch Sänger sein wollen. Oder andersherum. Chöre jedoch sind Rudel und Rudel verhalten sich meist ähnlich. Die Bestandteile dieses Chores sind Laien. Davon gibt es sehr viele. Auch sehr viele in dieser Stadt. Die neuste Idee dieses Chores ist nicht bloß zu singen, sondern dabei auch ein Gefühl zu transportieren, das dem gesungenen Text Ausdruck verleiht. Das bedeutet im Großen und Ganzen szenisch zu agieren. Das ist z.B. etwas, was Laien nicht so gut können. Klingt auch wahrscheinlich für den ein oder anderen auf Anhieb nach keiner guten Idee, es gibt aber bestimmt auch jemanden der denkt: schöne Idee. Jetzt wo der „Tip“ schon seine Titelseite mit einem Chor schmückt und ausführlich über singende Laien in Berlin berichtet, ist der Trend anscheinend schon fast wieder vorbei. Deshalb muss was Neues her. Was Laien dafür gut können: sich Dinge auszudenken.

Ich finde die Idee, dass dieser Chor mehr sein will als er ist und damit versucht mehr als bloß ein Trend zu sein nicht so richtig attraktiv. Es kommt auf meine Verfassung an, denn manchmal finde ich es auch richtig abstoßend. Die Geschichte von diesem Chor hat mir derjenige erzählt, der auch meinte, ich sei unerträglich hipp in den letzten Jahren geworden. Das erschreckende ist, dass er viel hipper als ich mit seiner Indoormütze und seinen Outdoorsneakern ist und das gar nicht merkt. Er singt in diesem Chor aus dem Grund, aus dem ich ihn abstoßend finde. Und ich finde nicht bloß das abstoßend. Aber das ist keine Lösung. Als ein Laie unter Vielen gibt es zahlreiche Typen, mit denen es sich lohnt endlich Freundschaft zu schließen, anstatt sie abstoßend zu finden. Und Freundschaft schließen ist mehr als freundlich sein. Freundschaft schließen ist ein Hand in Hand Spaziergehen. Ein Streicheln aus der Ferne. Sozusagen eine Partnerschaft führen mit dem Rest der Welt. Ein gemeinsamer Blick in unterschiedliche Richtungen. Es ist ein Gefühl, das den inneren Schweinehund erstickt. 

Deshalb sollte man unbedingt beginnen mit denen Freundschaft zu schließen, die zu gut erzogen für ihr eigentliches Wesen sind. Das sind die, die immer lächeln. Die, die immer das Gute sehen. Genauso, wie man mit denen Freundschaft schließen sollte, die auf Konzerten warme Gedanken in ihr kleines Büchlein schreiben, obwohl sie heimlich ein iPhone in der Tasche haben. Aber auch mit denen, deren Ironie nicht durch kommt, obwohl sie bestimmt ganz witzig sind. Und mit denen, die sich freuen einen nicht zu erkennen, obwohl sie pikante Details über einen wissen. Sowie mit denen, die ihre Teetassen in beiden Händen tragen und es gern mollig warm haben während man selbst glaubt, dass das mit Whiskey am besten funktioniert. Und diesen auch trinkt. Mit denen in der Öffentlichkeit Sinnierenden und denen die stetig nervende Wortklauberei betreiben. Mit denen, die den Fremdscham nicht verbergen können. Mit denen, die einfach nett sind, weil sie all die Freundschaften längst geschlossen haben. Und mit all den Laien, die gerne mehr wären und dabei dann auf die treffen, die den Fremdscham nicht verbergen können.

Denn Freundschaft schließen ist besser als bloß freundlich sein. Es ist ein Akt der die Welt schöner zu machen scheint. Der Freund singt nun nicht mehr in diesem Chor. Mit den gleichen Laien hat er nun eine Improvisationstheatergruppe eröffnet, die mehr sein will als nur das. Manchmal singen die nämlich auch Mozart.

 

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