Gesichter zur Kunst #2 | Kuratorenkollektiv Bublitz

Titelbild

 

Wer sind die Menschen, die die Kunst in Berlin prägen? Wer lebt, arbeitet, schafft hier? Wer stellt aus, wer kuratiert? Wer sammelt? Wer rezipiert? Wer stellt die Infrastrukturen? Um diesen Frage nachzugehen, muss man an die Menschen herantreten, die genau das tun. Sie sind die Gesichter zur Kunst. Diesen Monat: das Kuratorenkollektiv Bublitz.

„,Wir‘ zu sagen ist immer auch ein Wagnis.“ 

So beginnt die Einführung des Katalogs zu Handlungsbereitschaft, einer Ausstellung die 2011 in ihrer ersten Auflage im Mica Moca im Berliner Wedding zu sehen war. Dahinter steckt das Kuratorenkollektiv Bublitz, bestehend aus Mona El-Bira, Julia Müller, Madlen Stange und Julian Malte Schindele. Sie sind das Wagnis eingegangen. Die Skizze einer Generation am Ende der Geschichte (so der Untertitel) schaffte es im Spätsommer 2012 in eine zweite Auflage in den Berliner Kunstsälen. 
Die erste Auflage war ein gewagtes Experiment. Die Idee: das Psychogramm der Generation der heute 20-30 jährigen. Ausgewählt wurden künstlerische Positionen, die (nach Meinung der Kuratoren) etwas über die aktuellen zeithistorischen Debatten aussagen. Die zweite Auflage emanzipierte sich vom reinen Darstellen, wollte mehr sein als ein Spiegelbild. Sie war ein Denkanstoß und eine bewusst offene Reflexion. 
Das breite Rahmenprogramm beschäftigte sich mit aktuellen Themen, nahm beispielsweise auch die damals entbrannte Debatte über die GEMA-Tarifreform auf. Die Kuratoren, sie stellen nicht nur „Handlungsbereitschaft“ aus, sie machen sie auch zu ihrem kulturpolitischen Imperativ. 
Der Elan, den die drei versprühen, die Neugierde auf den Zeitgeist, der aus den im Katalog veröffentlichten Texten spricht, ist ansteckend. Dieses Sendungsbewusstsein macht Bublitz zu mehr als einem reinen kuratorischen Feldversuch: sie sind ein Kunst-Think-Tank. 
Bei unserem Treffen sind die Sprechrollen unerwartet verteilt. Der Wissens- und Austauschhunger der drei jungen Kuratoren überrollt mich zunächst. 
Wer interviewt wen? 
So wie sie mit den Künstlern, die sie ausstellen, versuchen eine Gemeinschaft aufzubauen, zu gemeinsamen Diskussionsrunden eingeladen haben, so nutzen sie das Interview für eine direkte inhaltliche Auseinandersetzung. Wir sprechen über die Möglichkeiten, dieser Tage politisch zu handeln und darüber, ob Begriffe wie „Hipster“ auch politisch fruchtbar gemacht werden können. 


Der Dialog mit den Experten, das von ihnen geschaffene Forum, ist den Kuratoren sehr wichtig. Es ist, wie sie sagen, dieses „kleine Guerilla-Moment“, das ihnen den Ansporn verleiht, mit ihrem Projekt neue Wege zu gehen. Diese Pioniertätigkeit drückt sich auch in ihrem Finanzierungsmodell aus: um unabhängig zu bleiben, wollen sie, dass die Ausstellung sich aus sich heraus finanziert und rein durch den Erlös der Werke funktioniert um damit auch den Künstlern eine Existenzgrundlage schaffen. Sie betonen dabei aber, dass Verkaufbarkeit bei der Auswahl der Werke keine Rolle spiele, wie ihr Projekt Thesaurós über Outsiderkünstler beweist. Eine gewisse „Wendigkeit“ will das Kollektiv sich behalten, wie Mona es ausdrückt.

Den politischen Stein, den sie ins Rollen bringen wollen, nehmen sie sehr ernst. Auch wenn sie ein Kollektiv sind, so haben sie dennoch subjektive Positionen, die sie intern austragen und die sich auf die Wahl der ausgestellten Objekte niederschlagen. Sie stellen ihre eigene kuratorische Praxis und die Positionen der von ihnen ausgestellten Künstlern bewusst zur Disposition. Der Erfolg gibt ihrem Konzept recht.
Unter den Künstlern sind neben bekannten Namen wie Julius von Bismarck auch unbekannte Namen. Die Videokünstlerin Henrike „Heque“ Naumann zeigte in einer begehbaren Videoinstallation zwei verschiedene Positionen einer Generation: Eines der Homevideos zeigte eine 90er-Jahre Party: trashige Raver, mit sorgfältig ausgewählten Kostümen, die ihrer ersten Ecstasy-Pille im Amnesia entgegenfiebern. Das andere Video zeigt die traurige Realität von Jugendlichen, die sich in der Jenaer Plattenbautristesse nur durch Gewalt ausdrücken können.

Henrike Naumann: Triangular Stories, 2012 begehbare Videoinstallation

Neben dem Ausstellungsgeschäft ist Bublitz auch ein kleiner Verlag. Der Katalog ist mehr als eine reine Wiederholung des in der Ausstellung Erfahrbaren. Nur wenige Werke sind abgedruckt. Er gleicht mehr einer Flugschrift, will „vertiefen und dokumentieren“, wie es auf der Website von Bublitz heißt. Die dritte Auflage der „Handlungsbereitschaft“ wird ab dem 21.02.2013 in den Dresdener Motorhalle zu sehen sein, denn Bublitz will die angestoßene Debatte über die Generation am Ende der Geschichte weit über den Berliner Horizont hinaustragen.

Vielleicht sollte unsere Generation sich darauf einlassen, auf das Wagnis „Wir“ zu sagen.


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Alle Bilder sind © Stefan Kaz


Über den Autor:

Kevin lebt, arbeitet und schreibt frei in Berlin. In seiner Kolumne Gesichter zur Kunst widmet er sich den Kunstschaffenden Berlins. Künstler, Sammler, Kuratoren - sie kommen hier zu Wort, erzählen von sich und ihrer Arbeit. Jeden letzten Freitag im Monat: auf einen Kaffee mit der Berliner Kunstszene.

Mehr von Kevin unter:

wolfauftausendplateaus.blogspot.de

http://www.facebook.com/wolfauftausendplateaus

Kommentare & Bewertungen (3) 

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Frank Harris
Frank Harris am 20.12.2016 um 15:50 Uhr
Too bad I couldn't be there. Such a loss.
Ethan Harris
Ethan Harris am 14.12.2016 um 17:07 Uhr
Insane piece of art. That's what touches me!
John Davis
John Davis am 18.05.2016 um 23:36 Uhr
One of the best reviews ever, I love your style!

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