Gesichter zur Kunst #3 | Eylül Aslan

Titelbild

Wer sind die Menschen, die die Kunst in Berlin prägen? Wer lebt, arbeitet, schafft hier? Wer stellt aus, wer kuratiert? Wer sammelt? Wer rezipiert? Wer stellt die Infrastrukturen?
Um diesen Frage nachzugehen, muss man an die Menschen herantreten, die genau das tun. Sie sind die Gesichter zur Kunst. Diesen Monat:
Eylül Aslan.

Die Geschichte der jungen Fotografin Eylül Aslan liest sich wie ein Erfolgsmärchen aus dem Web 2.0. Eylül hat vielleicht keine klassiche Ausbildung genossen, aber schon als Kind hat sie mit der Kamera ihrer Mutter auf Reisen herumgeknipst. Im Jahr 2008 verliebt sie sich in Paris in einen New Yorker, der kurz darauf zufällig Istanbul besucht. Sie treffen sich, Eylüls Herz lässt er gebrochen zurück. Sie sucht eine Sprache für ihre Gefühle und hat die Kamera wieder in der Hand. Die kleinen Geschichten, die sie mit ihren Bildern erzählt, sind bestimmt für einen Liebhaber, der sich nie wieder meldet. Resonanz erhält sie trotzdem: ein Flickr-Account verhilft ihr zum Durchbruch, wenige Jahre später kann sie von ihrer Arbeit leben und arbeitet für große Magazine in der Türkei.

Ihre Fotografien wirken entrückt: auf den ersten Blick unbedarft, gleichwohl liegt etwas Unheimliches in den meist gesichtslosen Portraits, den elegant inszenierten Beinen, den Schnappschüssen von der Straße. Eine selbstbewusste, aber unaufdringliche Auseinandersetzung mit der eigenen Umwelt sucht sich ihren Weg. Die intimen Momente, die Eylül einfängt, sind, so sagt sie, stets spontan aufgenommen. Bei Shootings entwickelt sie ihre Konzepte erst, wenn sie dem Model Anweisungen gibt: “Meine Freunde in Istanbul sagen mir immer wieder ich sei sehr deutsch.” 

An ihr erstes Mal in Berlin erinnert sie sich noch ganz genau. Sie war im Auto ihrer Mutter und als sie erwachte, befand sie sich in Kreuzberg, umgeben von türkischen Schildern und glaubte ihrer Mutter nicht, dass sie wirklich in einem anderen Land war.

Eigenes Bild 5 (gross)Die türkische Kultur Berlins war wohl auch so etwas wie das Einfallstor für ihren Bezug zur Stadt. Ihre Herkunft ist ihr wichtig, sie liebt Istanbul. Ihre nonchalante Art, die Fähigkeit Menschen für sich einzunehmen, ohne dabei etwas preiszugeben, ist typisch und erinnert mich stark an einen jungen Menschen, den ich aus Istanbul kenne. Großgeworden in einem modernen Elternhaus, mondän und weltoffen, rennt sie hier in Berlin manchmal offene Türen ein: “Ich bat während eines Shootings ein Mädchen ihr Shirt auszuziehen und plötzlich stand sie mit nackten Brüsten vor mir. Ich dachte mir: Yeah!”

Das Land ihrer Herkunft gibt ihr eine verschlossenere Bilderkultur mit. Nacktheit ist unmöglich, Models wollen ihr Gesicht nicht zeigen, weil sie Anfeindungen aus dem Umfeld fürchten.
Dieser Widerspruch, die Tabus, mit denen sie sozialisiert wurden ist und die Offenheit, der sie in Berlin begegnet, macht Eylüls fotografischen Blick interessant. Dennoch hat sie ein wenig Kribbeln im Bauch, wenn sie an das Arbeiten in Berlin denkt. Es sei sehr grau hier, was es schwer mache mit natürlichem Licht zu arbeiten.

Als wir auf das Thema Hoffnung zu sprechen kommen, werde ich hellhörig. Beine seien ein wichtiges Thema für sie, denn sie würden sie daran erinnern, dass trotz aller Zivilisation, wir immer noch laufen, scheissen, essen und ficken. Die schelmische Freude über diese banale Feststellung schlägt sich in ihren Bildern nieder: eine aufreibende Naivität, die sich aus dem Bewusstsein speist, dass Menschen auch hoffen können müssen. Die Welten, in die sie uns entführt, exisiteren real, werden im Bild aber zu einem beinahe magischen, metaphorischen Ort, der allein festgehalten durch den Blick der Fotografin offen vor uns liegt.

 

Mehr von Eylül:

www.septemberlion.com

http://www.flickr.com/photos/yllparisienne/

Über den Autor:

Kevin lebt, arbeitet und schreibt frei in Berlin. In seiner Kolumne Gesichter zur Kunst widmet er sich den Kunstschaffenden Berlins. Künstler, Sammler, Kuratoren - sie kommen hier zu Wort, erzählen von sich und ihrer Arbeit. Jeden letzten Freitag im Monat: auf einen Kaffee mit der Berliner Kunstszene.

wolfauftausendplateaus.blogspot.com

Kommentare & Bewertungen (2) 

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Robert Johnson
Robert Johnson am 16.05.2016 um 21:48 Uhr
I love those photos, they are really professional. Great job!
George Jones
George Jones am 11.05.2016 um 14:59 Uhr
I have to admit that this gallery is very weird and quite disturbing, but somehow I really like this. Good job!

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