Heinrich! Uns graut's vor dir.

Das Figurentheater Wilde & Vogel und Christoph Bochdansky nahmen sich schon vor Jahren mit Regisseurin Christiane Zanger Goethes Faust an. „FAUST spielen“ gehört seitdem zum gemeinsamen Repertoire und war endlich wieder einmal im Westflügel zu sehen. Site4 von Christina Mergel (28.11.2014)
Titelbild

Faust I ist schon beachtliche 206 Jahre alt, Faust II immerhin 182 Jahre und auch diese Inszenierung feiert bereits sechsjähriges Bestehen. Wie viele Jahre der alte Dr. Faustus dagegen schon auf seinem Buckel hat, als er da so fahl und mit weißem zerzaustem Haar, gebückt und schwarz ummantelt über die Bühne wandelt, ist unbekannt. Das Lebensende scheint gekommen. Diesmal wird die Tragödie nämlich von hinten aufgezäumt: Faust. Der Tragödie zweiter Teil. Fünfter Akt. Offene Gegend. Lange spitze Fühler der Sorge piesacken den Greis, der als Marionette am Rande der Spielfläche platziert selbst zum Zuschauer seiner erinnerten Lebensereignisse wird.

Zurück zum Anfang: Prolog. Mephisto steigt für seine Auseinandersetzungen mit dem Herrn in einen blauen Müllsack voller Nebel. Dann geht es im Teufelsritt durch Szenen und Akte des ersten Tragödienteils. Studierzimmer, Hexenküche, Walpurgisnacht... durchwegs Altbekanntes! Worin soll da noch der Reiz liegen?

Es geht eben nicht darum, ein weiteres Mal Goethes Faust vergebens zur Aufführung zu bringen. Wo das Pathos der Tragödie kurz Einzug halten darf, wird es im nächsten Moment zu einem Lustspiel voller Narren. Ein stummes anmutiges Gretchen, das wohl eine der flapsigsten Schwängerungen in der Geschichte des Faust-Stoffes erlebt, wird bald zur Nebenfigur. Nachdenklicher Ernst und ironischer Witz stehen in einem fragilen Verhältnis, das stets sofort zu kippen droht und die Aufführung davor bewahrt, in langweiliger Monotonie vor sich dahinzuplätschern. In scheinbarer Wahllosigkeit liegen all die Requisiten und Objekte auf der Bühne verteilt. Erst das Spiel erweckt sie zum Leben. So wird aus einem Stoffhaufen bald eine überlebensgroße Hexe im schwarzen Glitzergewand oder aus undefinierbaren Stäben eine kleine unheimliche Flugmarionette, die sich ihren Weg durch die Äste der anmutigen Gegend bahnt. Ein Kreidekreis ersetzt die fehlende Drehbühne. Neben solchen kleinen und großen Raffinessen ist auch die musikalische Gestaltung maßgebend am Zauber und Charme der Inszenierung beteiligt: Charlotte Wilde huscht zischen ihren vier Klangstationen rund um die Spielfläche stetig hin und her, erzeugt so zwischen Theremin, E-Violine und eigener Stimme psychedelische Geräusche und träumerische Melodien.
Als am Ende des ersten Teils die Bühne halbwegs chaotisch vor einem liegt, treten Bochdansky und Vogel aus ihren Rollen als Figuren und Puppenspieler heraus, um den weiteren Verlauf zu erklären: Die Fläche wird mit einem großen Besen gefegt, die Spieler und die Musikerin stärken sich kurz bei einem Glas Wasser und dann ist das Chaos beseitigt, alles vergessen, alles wieder neu und alles wieder gut. Der Tragödie zweiter Teil kann beginnen.

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Man wird Zeuge, wie Faust dem Reichtum verfallen ist und sich maßlos geziert von Mephisto seinen ganzen Körper mit Gold bedecken lässt. Wo Faust zu viele Bäume zur Last fallen, walzt Mephisto die Natur in Form einer kleinen Schnecke mit seinem Pferdefuß nieder. Eine Plastikflasche ersetzt die Phiole als Geburtsstätte des Homunkulus. Geradezu widerwärtig wird es, als der fast schon verwesende Greis Faust die nackte Schönheit Helena badet und mit ewiger Liebe beschwört.

Wilde & Vogel gemeinsam mit Christoph Bochdansky schaffen hier ein ganz eigenes Werk Faust. Wo Goethe seinen Text mit Schwere belädt, setzen die drei unter der Regie von Christiane Zanger auf Leichtigkeit. Ideenreich, dreist auf 70 Minuten gestutzt und schamlos interpretiert wird dieses Meisterstück der deutschen Literatur zu einem wundervollen Erlebnis des Objekttheaters. Was die Welt im innersten zusammen hält, gilt es kaum mehr zu beantworten. Der Knall einer aufgeblasenen Papiertüte genügt ja auch als Ende.

 

Ausstattung und Spiel: Christoph Bochdansky, Michael Vogel

Live-Musik: Charlotte Wilde

Regie: Christiane Zanger

Fotos: Robert Voss, Therese Stuber

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