Impressionen aus dem Schützengraben

Der junge Regisseur und Dramaturg Catejan Scheliga bringt Ernst Jüngers Weltkriegstagebuch „In Stahlgewittern“ als Ein-Personen-Stück auf die Bühne der Cammerspiele Site4 von Sophia Richter (24.11.2014)
Titelbild

Es ist dunkel. Ganz hinten auf der Bühne steht ein junger Mann in Soldatenuniform, die Pickelhaube in der Hand. Er ist hinter einem halbdurchsichtigen Vorhang verborgen, auf den grell blitzende Filmauschnitte aus dem ersten Weltkrieges projiziert werden, dazu läuft Marschmusik. Der junge Mann erzählt, er rezitiert den Prolog aus Ernst Jüngers Kriegstagebuch „In Stahlgewittern“. Noch wirkt alles sehr reflektiert, distanziert und unpersönlich: Die Worte, Bilder und Klänge evozieren eine aus dem Geschichtsunterricht vertraute Vorstellung vom Weltkrieg und holen die Zuschauer da ab, wo sie sich befinden. Doch von hier aus geht es im Laufe der nächsten eineinhalb Stunden tief hinein in die Abgründe des Krieges und des Menschen in ihm. Jüngers Text ist schmerzhaft nah dran am Geschehen und beschreibt die Angst, das Grauen, die Ohnmacht, aber auch die Faszination und sogar die Schönheit, die er an der Front erlebt hat.

Der Regisseur und Dramaturg Cajetan Scheliga setzt diese Textvorlage mit wenigen, aber effekvollen Bildern um. Er lässt den jungen Soldaten, der seine Jahre in den Schützengräben und auf dem Schlachtfeld schildert, in mehreren Etappen immer näher an das Publikum herankommen, oft getrennt durch dünne Vorhänge. Diese Bewegung ist gleichzeitig eine Marsch durch die Zeit und eine Reise in das dunkle Innere des jungen Mannes, das vom Krieg freigelegt wird. Dabei bleiben die Szenen statisch, es gibt es kaum Spiel – doch mithilfe dieser minimalistischen Mittel vollzieht sich eine gruselige Metamorphose vom marschierenden Pickelhaube-Preußen zum Totenkopf-Wesen mit Gasmaske, die auf sehr intensive Weise das Erzählte illustriert.

Währenddessen arbeitet sich der Schauspieler (oder besser: Erzähler) Tom Lux an den wortgewaltigen Satzkonstruktionen Ernst Jüngers ab: Über 90 Miunten spricht er fast pausenlos und kämpft sich mit eindringlicher Stimme durch die endlosen Hypotaxen. Die ästhetische Sprache ist dann auch der eigentliche Hauptakteur des Abends – ihr Rhythmus und ihr starke Bildhaftigkeit ziehen die Zuschauer in Ihren Bann und lassen sie an den Kriegserlebnissen teilhaben. Dieser Sog hält durch alle Episoden der Erzählung an, ob der Soldat gerade im Graben kauert oder durch eine zerbombte Kraterlandschaft irrt. Dabei fragt man sich immer wieder: Wer erzählt hier überhaupt? Ist es der begeisterte Kriegsfreiwillige Jünger? Ist es der mit den Jahren im Krieg zunehmend desillusionierte Soldat Jünger? Ist es der Schriftsteller Jünger, der sein Tagebuch Jahrzehnte später noch immer ergänzt und aus der Erinnerung umschreibt?

Am Ende, als ein angedeuteter Bahndamm ganz vorne auf der Bühne erreicht ist, bekommt Tom Lux zunehmend Probleme mit dem Text: Es gibt Aussetzer, Versprecher, er korrigiert sich mehrmals selbst. Bei der unglaublichen Menge an Text ist das auch kein Wunder – es scheint sogar beabsichtigt zu sein. Im letzten Kapitel geht es nämlich um die „Große Schlacht“ in der Frühjahrsoffensive 1918, die Jünger als infernalisches, rauschhaftes Gemetzel darstellt, in das der Einzelne hineingezogen wird und seine individuellen Züge ganz verliert. Der junge Soldat scheint sich dabei zeitweilig in einen alten Mann zu verwandeln, der vom lange vergangenen Krieg erzählt: Die Erinnerung setzt immer wieder aus, die Worte müssen mühsam gesucht werden, irritierende Anektdoten werden eingestreut, die Stimmung schwankt von einem Moment zum anderen. Vielleicht ist es dieses Fragmentarische, diese Wort- und Hilflosigkeit, die eine Brücke zur Gegenwart und zu unserem Verständnis des „Ungeheuren“ schlägt, das Jünger sprachlich zu fassen versucht.

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