Kolumne: Sommer in Berlin

Das Ende der Schlechtwetterperiode in Berlin lässt auf sich warten. Es ist daher an der Zeit, mal einen Brief an die Sonne zu schreiben. Site4 von Lutz Leichsenring (11.05.2010)
Titelbild

Hallo Sonne. 
 
Neulich hatte ich Dich beim Schlendern entlang der Spree kurz sehen können: versteckt zwischen langen Schatten massiver Neubauten und dichter Regenwolken. Angeblich scheinst Du über der Hauptstadt im Schnitt 280 Tage pro Jahr. Das fällt schwer zu glauben, nach diesem rauen Winter und verregneten Frühling. Wenn die Statistik nicht hält, was sie verspricht, müssen wir eigene Maßnahmen ergreifen und fordern ein Tanzverbot für Regentänzer und Klet
terparks für Wetterfrösche, denn die sonnenhungrigen Großstädter können es kaum erwarten, die Würstchen auf den Grill zu legen.

Dass jeder Reiseführer Berlin in den Sommermonaten empfiehlt, bemerkte auch die Berlin Tourismus Marketing GmbH (BTM) und engagiert sich beim "Sommer of Berlin", einer Kampagne der Berlin Music Commission und Clubcommission, um weltweit auf die Festivals, Stadtstrände und Clubs im Spreeraum aufmerksam zu machen. Die Hot Spots am Ufer sind weitaus mehr als ein paar Schippen Sand mit Sonnenschirmen und gekühltem Bier: Sie sind Touristenattraktion und damit wichtiger Bestandteil des Wirtschaftsstandorts Berlin. Während in Paris, London und New York nahezu jeder Quadratmeter entlang Seine, Themse und Hudson River bebaut wurde, regiert an der Spree die Leichtigkeit in über 30 Stadtstränden. Aber wie lange noch? Die Betreiber der Locations sind nur Zwischennutzer, bis die Immobilienfonds wieder genug Geld eingesammelt haben, um das Gelände zu bebauen. Wie lange gelingt noch der Spagat zwischen kommerziellen Interessen und urbanexperimenteller Kiez- und Clubkultur? Das Yaam hat in 16 Jahren seinen achten Umzug hinter sich, bei der Bar25 steht jährlich die Abschiedsparty im Programm und im Funkpark gingen bereits Anfang des Jahres die Lichter aus. 


Als USP ("Unique Selling Proposition") bezeichnet man im Marketing die alleinstellenden Verkaufsmerkmale eines Produkts oder einer Dienstleistung. Es scheint nun endlich auch bei den Stadtoberen angekommen zu sein, dass der USP Berlins in erster Linie dieses Spielfeld aus freier Szene und subkultureller Infrastruktur ist, das die deutsche Hauptstadt für Touristen, Studenten und Unternehmen im Vergleich mit anderen Metropolen attraktiver macht. Dies zu bewahren wird noch viel Geld kosten: Denn wenn nicht Immobilien- und Finanzinvestoren die Freiflächen kaufen, um für noch mehr Büroleerstand zu sorgen, dann muss wohl die Stadt mitbieten, um langfristig Ihren Wettbewerbsvorteil zu bewahren. 


Der Kampf um langfristige Nutzungsrechte und gegen die Bebauung von Freiflächen geht also in die nächste Runde. Mit an vorderster Front steht jetzt auch Burkhard Kieker, Chef der BTM, der Berlin als "Europas Hauptstadt der Coolness" (Time Magazin) bewahren möchte.

Liebe Sonne: Wenn das mal kein Grund zu Strahlen ist?

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