Kunst: Textilarchitektur aus dem Fernen Osten

Die japanische Künstlerin Aika Furukawa residiert für ein Jahr in Leipzig, zum zweiten Mal. Zeit für ein Gespräch über Malerei, Blutgruppen und Alltagsbanalität. Site4 von Max Rauschenbach (16.08.2013)
Titelbild

Ich sitze im Atelier von Aika Furukawa, vor mir steht eine Tasse Grüner Tee auf einem weiß angestrichenen Spanplattentisch, daneben ein Untersetzer aus Plastik mit dem Motiv des Jünglings am Meer von Hippolyte Flandrin. Großartig, denke ich mir und mache ein Foto. Mein Schnappschuss soll als Sinnbild dienen für den Zusammenprall zweier Kulturen. Fernöstliche Arbeitsdisziplin trifft auf französische Salonmalerei, klassisch-mythologisches Pathos auf japanischen Holzschnitt, Faltenwurf auf Seidenpapier.

Schnell merke ich, dass mein Plan nicht aufgehen wird, denn die Malerin entspricht so gar nicht dem Bild, das man als Europäer vom japanischen Künstler haben möchte. Keine wiederholten Verbeugungen, keine distanzierte Höflichkeit, stattdessen bekomme ich eine herzliche Umarmung und ein paar Flyer in die Hand gedrückt, zum Verteilen.

Mein Blick fällt auf eine mit Nägeln an der Wand befestigte Leinwand ohne Keilrahmen. Rot-orange-gelb-karierte aufgeplusterte Stoffe vermengen sich darauf mit hellem Leinen und taubenblauen groben Filzdecken. Eine Collage aus unterschiedlichen fließenden Materialien, fotorealistisch gemalt, die sich verdecken, umhüllen, umkrempeln, verschlingen und auszuspeien scheinen. Kopulierende Knäuel aus Draperie, Falten, Wülsten und Kissen, die immer angeordnet sind in Modulen aus rot-orangen, weißen und blauen Stoffen, die sich zur oberen Bildmitte hin perspektivisch verjüngen. Jedoch gleicht keines dem anderen. Der Hintergrund ist monochrom weiß, als würden die Textilklumpen im Nichts schweben, angesogen von einem unbestimmbaren, weil außerhalb des Bildrandes liegenden Wurmloch.

In anderen Bildern sind Kleidungsstücke ähnlich perspektivisch angeordnet, zusammengeknüllt, sich überlappend. Manchmal ist es schwer, sie auseinanderzuhalten oder zu bestimmen, um welche Klamotte es sich handelt. Eines haben jedoch alle Werke Furukawas gemein: sie zeigen Stoffe. Stoffe unterschiedlicher Materialität, Oberfläche und verschiedener Knäuelintensität. Manchmal werden sie getragen von Menschen (ohne Gesichter), die in ihrer manieristischen Verdrehung die Stoffe in Falten legen und Muster erkennen lassen. Ordentlich zusammengelegt sind die Kleidungsstücke nie, aber in ihrer Unordnung altmeisterlich gemalt.

So ganz ist die japanisch traditionelle Malerei dann aber doch nicht aus dem Werk der Künstlerin zu tilgen. Ein weiteres Bild, ebenfalls eine keilrahmenlose Leinwand, die jedoch nur an den oberen Ecken befestigt ist und sich nach unten hin auf den Boden ausrollt, erinnert stark an asiatische Tuschezeichnungen, die auf Papierbögen angefertigt und eingerollt werden konnten, um dann einem ausgewählten Publikum gezeigt zu werden.

Parallelen zur europäischen Kunstgeschichte sind jedoch Zufall, wie bei meinem Schnappschuss mit dem Untersetzer. Bei rot-weiß-blauen Stoffen denkt der Student der Kunstgeschichte sofort an die wehende Trikolore der Marianne von Delacroix oder an das Mariengewand in der Ikonenmalerei der Renaissance. Aika Furukawa habe sich zwar gerade einen Bildband über Caravaggio gekauft und interessiere sich auch für die italienischen Meister, die Wahl der Farben habe allerdings nichts damit zu tun. Ihre Bettwäsche sehe nun mal so aus. Das Sujet der Werke Furukawas ist interkulturell: Der Alltag des Menschen. Wenn die Künstlerin morgens aufsteht, dokumentiert sie die aufgeschlagene Decke, das verformte Kopfkissen, die zerwühlten Laken und die Kleidungsstücke des Vortages, die unachtsam vorm Schlafengehen fallen gelassen wurden. Zufällige Stoffarchitekturen, die vieles über ihren Schöpfer aussagen und sich trotz der Häufigkeit ihres Erscheinens nie komplett gleichen. Furukawa zeigt dem Betrachter Rückstände menschlicher Alltagshandlungen, die Überbleibsel scheinbar banaler Zeremonien, die wir jeden Tag fast unbewusst vollziehen. Die spiralförmige Perspektive unterstreicht dabei den infiniten Charakter unseres Handelns, manchmal ist die Spirale selbst Motiv und Symbol der Unendlichkeit. Der Mensch steht im Fokus der Bilder, ohne porträtiert zu werden.

Aika Furukawa wurde 1982 in Aichi geboren, einer süd-westlich von Tokyo gelegenen Präfektur Japans. Bereits im  Alter von fünf Jahren erhielt sie eine klassische Ausbildung in Malerei und Zeichnung. Lehrerin war die eigene Mutter, die freiberuflich als Zeichenlehrerin arbeitet. Seit 2003 lebt Furukawa in Tokyo, wo sie Freie Kunst an der National University of Fine Arts and Music studierte.

Zurzeit wohnt und arbeitet Furukawa in der Leipziger Spinnerei. Sie nimmt teil beim Leipzig International Art Programm (LIA), einer Künstlerresidenz, die seit 2007 Maler, Zeichner, Illustratoren und Videokünstler aus aller Welt beherbergt. Bereitgestellt werden großzügige, lichtdurchflutete Atelierräume und in regelmäßigen Abständen finden Ausstellungen statt, bei denen die Künstler zeigen, was sie in ihrer Leipziger Zeit geschaffen haben und wie sie dabei von der lokalen Kulturlandschaft beeinflusst wurden. Oftmals bieten sich dadurch auch Möglichkeiten, sich mit der ansässigen Kunstszene zu vernetzen. Neo Rauch habe sie auch schon mal in ihrem Atelier besucht, sagt Furukawa.

Auf die Frage, wie Leipzig ihre Malerei beeinflusst habe, antwortet die Künstlerin, das Licht sei anders. In Leipzig sei das Licht zwar intensiver, was wohl an den großen Fenstern der Spinnereiarchitektur liege, die fast die gesamte Wand einnähmen, aber auch kälter. Deshalb seien die in Leipzig entstandenen Werke wesentlich farbintensiver als die japanischen, die hauptsächlich weiße Bettwäsche zeigten.

Vor ein paar Jahren war die Malerin aus Tokyo schon einmal für mehrere Monate in der Spinnerei. Damals finanzierte sie ihren Aufenthalt nur durch den Verkauf ihrer Bilder. Hier in Deutschland ist das möglich, sagt sie. In Tokyo sehe das ganz anders aus. Es gebe keinen florierenden Kunstmarkt in Japan, die Wohnungen und Galerien seien viel zu klein für die großen Formate ihrer Bilder. Heute bekommt Aika Furukawa ein Stipendium von der japanischen Botschaft. Im September hat sie eine Einzelausstellung in Berlin.

Zum Schluss stelle ich die Frage, ob sie eine ordentliche oder eher chaotische Person sei. Furukawa lacht und erzählt mir eine kleine Geschichte aus ihrer Kindheit. Bis zu ihrem 20. Lebensjahr dachte die Malerin, sie sei Blutgruppe 0, da ihre Mutter ihr sagte, sie müsse Blutgruppe 0 sein, da sie ein sehr unordentliches Mädchen ist und unordentliche Mädchen nach dem japanischen Blutgruppenhoroskop immer Blutgruppe 0 sind. Dann ließ sie einen Bluttest machen, der ergab, dass sie eigentlich Blutgruppe B ist. Seit dem ist sie viel ordentlicher, sagt sie. Beides wird vereint in den großformatigen Bildern Aika Furukawas, das zufällige Chaos und die Liebe zur Ordnung.

www.furukawaaika.com
www.liap.eu

Kommentare & Bewertungen (2) 

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Robert Obrien
Robert Obrien am 02.01.2017 um 00:32 Uhr
This woman is so perfect. Intelligent and beauty!
Mehta Kajal
Mehta Kajal am 07.08.2016 um 16:04 Uhr
great post

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