Mein Gedächtnis, du und ich

Nach bereits zwei fulminanten Abenden mit La Pendue zum Spielzeit-Auftakt im Westflügel, folgte am Sonntag noch eine Deutschland-Premiere des französischen Ensembles: „Tria Fata“ ist ein Stück über das Leben … und den Tod. Site4 von Christina Mergel (13.05.2015)
Titelbild

Links sitzt Martin Kaspar Läuchli, der die Zuschauer der „Poli dégaine“-Vorstellung bereits von seinem Können als Ein-Mann-Orchester in Staunen versetzen, überzeugen und auf den heutigen Abend einstimmen konnte. Ein kleines Sammelsurium von Instrumenten umgibt den Musiker. Verteilt auf der restlichen Bühne befinden sich auch schon die Puppen, die im Laufe der nächsten Stunde nach und nach zum Leben erwachen sollen. Estelle Charlier hat zunächst in einer Art Vorspiel mit einem aufdringlichen Handpuppen-Kerlchen zu kämpfen, das durch ihr Puppenspiel schnell lebendig und eigenständig wirkt. Nachdem Charlier sich dessen in einem Schrank entledigt hat, nähert sich – an einem Faden von einer kopflosen Handpuppe gezogen – die eigentlich Protagonistin des Abends: eine alte Puppendame in einem Rollstuhl, der augenscheinlich das letzte Stündlein geschlagen hat. Denn mit Zylinder auf dem Kopf und Schädelmaske vor dem Gesicht ist Charlier in die Rolle der Madame Tod geschlüpft und verheißt mit ihrem Totentanz nichts Gutes für die Greisin, der bei dem durchaus angsteinflößenden Anblick das unwillkommene eigene Ende bewusst werden muss. Mit einem ihrer Beine als Anzahlung und dem Versprechen, sich anschließend ihrem Schicksal zu fügen, gewährt Madame Tod ihrem nächsten Opfer wortlos den letzten Wunsch, das eigene Leben noch einmal Revue passieren zu lassen.

Die Erinnerung wird szenisch auf die Bühne gebracht: nach einer schweren Geburt als Start ins Leben folgt die erste Liebe als Schattenspiel, deren Weitererzählen nur durch das zweite Bein als Pfand an Madame Tod möglich wird. So erfährt das Publikum auch, dass das Märchen vom Traumprinzen leider als Enttäuschung enden musste und dass die Frau in ihrem weiteren Leben als Hebamme unzähligen Kindern dabei geholfen hat, selbst das Licht der Welt möglichst unbeschadet zu erblicken. Die szenischen Darstellungen der früheren Erinnerungen weichen zunehmenden fragmentarischen Diaprojektionen.

Redselig stellt die nun inzwischen beinlose Frau ihrer schweigsamen Todesbotin gegenüber fest, dass sie den drei Parzen glichen: „Mein Gedächtnis, du und ich“ - sie selbst habe den Lebensfaden gesponnen, ihr Gedächtnis führe ihn weiter und Madame Tod schneide ihn letztlich ab. Diesem letzten Punkt ihres Lebenslaufes, dem Sterben, muss sich schließlich auch die alte Frau fügen. Und wo ein Leben sich auflöst, soll bekanntlich ein neues entstehen – sei es im Diesseits oder im Jenseits: Und so bildet nicht der Zerfall das Ende, sondern die Vervollständigung der eingangs noch kopflosen Figur.

La Pendue schlägt mit „Tria Fata“ weitaus ruhigere und nachdenklichere Töne an als mit dem tags zuvor gezeigten „Poli dégaine“. Estelle Charlier als leidenschaftliche Puppenspielerin und Martin Kaspar Läuchli als Multiinstrumentalist, der mit seinen Melodien und Klängen nicht weniger essenziell zur Atmosphäre der Inszenierung beiträgt, gelingt dabei eine intensive Darbietung, der auch die Kombination von teils humoristischen und drastischen Bildern überzeugend glückt. Größere Puppen mit verstrubbeltem Haar und großen schwarzen Augen in verängstigten Gesichtern führen durch die Phasen des Lebens, kleinere Handpuppen agieren ihrem Anschein entsprechend episodenhafter und weniger komplex. Die Technik des Schattenspiels, dessen Papierwand die Ebenen von Wunschdenken und Realität verwischen lässt und schlussendlich doch von der Protagonistin durchbrochen wird, setzt Charlier exzellent um. Die Präsentation der statischen Diabilder auf eine bewegliche Leinwand wird in ihrem Effekt leider durch die Länge der Szene etwas getrübt.

Deutsche Übertitel, die in Zusammenarbeit mit dem Westflügel im Vorfeld entstanden, beugen einer möglichen Sprachbarriere vor, sodass die ruhige Kraft des Theaterstückes ungestört erhalten bleibt und so für das Premierenpublikum ein ebenso sehenswertes Erlebnis ist wie sicher auch für die zukünftigen Zuschauer.

Spiel und Musik: Estelle Charlier, Martin Kaspar Läuchli

Puppen, Konzept & Bühne: Romuald Collinet, Estelle Charlier

Regie: Romuald Collinet, Pavlina Vimmrova

Foto: Tomas Vimmrova

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