Mein Herz, mein Haus, mein Dämon

Christoph Bochdansky ist mal wieder aus Wien angereist, um im Westflügel seinen neuesten Streich „Der Dämon“ zu präsentieren. Site4 von Christina Mergel (19.02.2015)
Titelbild

I can feel the devil walking next to me“, singt Murray Head und trifft damit für Christoph Bochdansky den Nagel auf den Kopf. Und als man sich gerade fragt, wo auf der Bühne er sich wohl versteckt hat – so ein Puppenspieler kommt ja selten als letzter in den Saal – betritt er im Anzug und ganz unspektakulär über den Haupteingang den Raum, wo die Zuschauer schon Platz genommen haben und „One Night in Bangkok“ aus den Lautsprechern schallt. Hingebungsvoll tanzt und windet sich der Akteur dieser vermeintlichen One-Man-Show über die Bühne, auf der aus weichen grünen Gebilden ein Frotteewald die Landschaft bildet. Und dann macht er sein Publikum wieder auf diesen einen Satz aufmerksam, der erst den Anlass für das Folgende zu bieten scheint: „I can feel the devil walking next to me.“

Und wie er da berichtet, dass er schon vor vielen Jahren gemerkt habe, er sei nicht allein in seinem Leben und ein vages Unwohlsein begleite ihn schon lange, verwandelt er sich im Handumdrehen mithilfe der Bühnendekoration in jenen „devil“, den er stets so unklar bei sich spürt. Aber nein, diese übermannshohe Gestalt stellt ganz schnell klar, dass sie nicht der Teufel ist, wenngleich sie zugegebenermaßen aus der gleichen Region, dem Jenseits stammt. Ein Dämon sei er, der im Gegensatz zum Teufel aber problemlos ins Diesseits reisen und sich im „Mysterium des Organischen“ einnisten könne. Dass er schon einmal in ein Baumblatt geschlüpft ist, erzählt dieser glatzköpfige Riese mit den Glubschaugen und dem breiten Mund. Auch, dass ihm dies zu langweilig wurde und er sich einen Menschen mit einem richtigen Herzen gesucht hat, weil er zwar alles Sein des Diesseits perfekt imitieren könne, aber ein eigenes Herz... daran mangelt es ihm.

Das alles wirkt optisch sehr humoristisch. Die lange Gestalt mit den abstehenden Ohren wandelt in ihrem schwarzen mantelartigen Gewand über die Bühne, dreht mit den Augen und bewegt ihren klappbaren Unterkiefer zum Sprechen. Doch zu den Gesten ihrer spitzen bunt marmorierten Finger spricht sie philosophische Worte. Sie sei wie das Gefühl: „Schwer zu fassen und immer gleich da.“

Und so schnell wie der Dämon aufgetaucht ist, verschwindet er auch wieder. Bochdansky erwacht wie aus einer Trance und kommt nun seinerseits selbst zum Zuge, von seiner Vergangenheit zu berichten. Dies geschieht in bezaubernder Puppenspieler-Manier: Liebevoll wird die Kindheit des Naturknaben mit detailgetreuen Miniaturen aller Beteiligten nachvollzogen. Bochdansky lässt zwischen zwei Stoffpflanzen des Bühnenbildes eine kleine heile Märchenwelt über dem Boden schwebend entstehen. Schützende Blumen und Berge, eine Hängematte als Bett, so verheißungsvoll startet der Junge ins Lebens. Und plötzlich schleicht sich der Dämon in der Dunkelheit unbemerkt an und das Schicksal nimmt seinen Lauf.

All die reizenden Feinheiten zu beschreiben, all die klugen Ideen, all die Lust, mit der dieses Theaterstück sich da aus sich selbst zusammensetzt, kann doch dem Erlebnis desselben nicht gerecht werden. Mephistophelisch geht es zu in diesem Streit um faire und unfaire Deals um ein menschliches Herz. Wer zieht da den Kürzeren?

Bochdansky inszeniert die LieThumb_crop_200x100_blog_32045_8034_7519besgeschichte mit einer stummen, verstrubbelten Dame ebenso sinnlich wie lustig, zieht in ein aufblasbares Einfamilienhaus, übertrifft alle Bauchredner im Zwist mit dem Dämon an seiner Seite, der ihn umschmeichelt. Auch wenn man weiß, dass hier nur ein einzelner Mann allein auf der Bühne steht, er agiert wirkungsvoll und mit einer herrlichen Selbstironie als zwei und macht nicht nur seinen Dämon, sondern ganze Szenerien lebendig. Brecht'sche Verfremdungseffekte in Form von überleitenden Szenenschildern finden ihren Platz, ebenso wie ein personifizierter vorwitziger „richtiger Moment“, wohl eine der gelungensten Darstellungen der Allegorie des Todes und nicht zuletzt der Tanz der Hoffnung. Was verwirrend klingt, funktioniert auf der Bühne als stimmiges Meisterstück.

Wohl kaum jemand, der den Theatersaal am Ende nicht mit einem zufriedenen Lächeln im Gesicht und einem Ohrwurm im Kopf verlässt. Eine fantastische Inszenierung!

Spiel: Christoph Bochdansky, Michael Vogel

Puppenbau: Christoph Bochdansky

Regie: Peter Rinderknecht

Musik: Die Strottern (Klemens Lendl, David Müller), Björn Ulvaeus, Benny Andersson

Foto: Andi Klein

Dauer: ca. 70 Minuten

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