Ort der Begegnung

Titelbild

ein praktischer Schnittpunkt für Menschen jeglichen Alters und Geschmacks, die sich tummeln, konsumieren und in ihrer Masse untergehen können. Wer auch immer Einkaufszentren erfunden hat, hatte bestimmt solche oder ähnliche Worte übrig, um die großen Bauherren für die Idee zu gewinnen. Warum auch nicht; man kann es als völlig auf der Hand liegende Schlussfolgerung auf die Entwicklung und die Vorlieben, ja auf die Evolution des Menschen sehen. Vielleicht trafen sich in einer dieser heterogenen, multikulturellen Metropolen unserer Welt ein Chinese, ein Italiener und ein Amerikaner und wollten diese kulinarische Ablenkungsoffenbarung gemeinsam ins Leben rufen. Wie dem auch sei, tat es irgendjemand und schon seit einigen Jahren sprießen sie wie Pilze aus dem Boden – sie nennen sich „Ala Moana“, „Alexa“ oder „Barra“, um wie eine treue Freundin einen Platz in den Herzen der Menschen zu gewinnen. Doch womit gewinnen sie all die Herzen? All die hoffnungslosen Seelen, sie sich sogar zu einem Rendevous, wenn man das dann noch so nennen will, an den langen weißen geschmacklosen Plastiktischen niederlassen, um verträumt gemeinsam aus einem Pepsi-Plastikbecher Bier zu schlürfen und sich in der akustischen Hölle aus scheppernden Plastiktabletts, vorbeihastenden Einkäufern, Shampoo-Werbungen und dem neuesten Lady Gaga Song fallen zu lassen. Was ist mit unserer Gesellschaft los, wenn wir uns tatsächlich in diesem neonbelichteten, reizüberfluteten, unterirdischen Konsumloch so wohl fühlen? Ich glaube, wir sehnen uns einfach danach unterzugehen, unsere letzten ästhetischen Sinne sich selbst zu überlassen, um einfach abzuschalten in diesem hässlichen Lärm, der am ehesten unseren verwirrten Gedanken gleicht. Stille macht Angst, denn sie fordert Klarheit. Wir haben jedoch einen natürlichen, wenn man das so sagen kann, Überlebensmechanismus; so passen wir uns an, selektieren, rationalisieren und meinen zufrieden zu sein, da in uns kein klarer Gedanke,sondern kontrolliertes Chaos steckt. Wenn ein Ort das Groteske und Abscheuliche in solch offensichtlicher Übertreibung präsentiert, dann kann ich nicht abstreiten, dass auf nahezu perverse Weise ein Einkaufszentrum mich anzieht. Diese konzentrierte Ballung moderner Menschlichkeit lässt mir das Blut in den Adern gefrieren und mich gleichzeitig hoffnungslos ergeben Mitleid spüren. Für die, die mit ihren Freunden hier ein Bier trinken, lauthals lachen und wahrscheinlich tatsächlich glücklich sind, für die einsamen Fünfzigjährigen , denen es nach Gesellschaft ist und die sich betäuben von dem kurzweiligen Zauber ein Teil des Ganzen, ein Mitglied am Zehn-Meter-Tisch des unausgesprochenen Geheimbundes für einen Freitagabend oder jeden Freitagabend zu sein, für die hungrigen Banker und die schnellen Einkäufer, für die Tischabräumer, für mich, die ich mein Sushi meine zu genießen während ich aufmerksam unsichtbar bin und mein Geruchsinn bei einer Mischung aus Zwiebelsuppe, Salamipizza und Hähnchen-Curry einfach aufgibt und schon mal nach Hause geht.

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