Prioritäten. Teil 1

Titelbild

Mein hipper Freund, der grade zu spät den Biergarten betritt, sieht leicht verunsichert aus. Ich ahne woran es liegt, denn er trägt eine rote Hose. Ich atme leise auf, denn ich hatte auch kurz überlegt heute kleidungstechnisch nicht auf Nummer sicher zu gehen. Er entschuldigt sich, allerdings für das Zuspätkommen und nicht für die allzu grelle Farbe. Er hätte sich für nichts entschuldigen müssen. Kurz nach ihm betritt auch der Stammtisch seinen Biergarten. Er ist schwarz gekleidet, bis auf eine, die ist blau. Der Witz kommt aus der Ecke, in der schon ein Bier auf dem Stammtisch steht. Sie setzen sich direkt unter das Schild. Stammtisch. Die wissen genau was sie wollen. 

Ich freue mich den Freund zu sehen. Er fragt mich, ob ich ein Bier will und ich sage nein, ich wolle ein Alsterwasser. Er schüttelt den Kopf. Er kann nicht verstehen, dass ich mich so schnell für etwas entscheide und dass ich mich zudem noch für etwas entscheide, was in seinen Augen keinen Sinn macht. Damit meint er den Alkoholgehalt. Als er wieder kommt – er hat gezahlt, aber nur aus der Verwirrung heraus – stellt er unterschiedliche Alkoholika auf den Tisch. Als mein Blick auf die Bar schweift ahne ich, dass diese nicht hochwertig sein können. Währenddessen schreibt er eine Notiz in sein Handy, erzählt mir von Stadtteilen, in denen das Leben nicht lebenswert ist, schlägt mir jedoch vor, dort hinzuziehen, klagt über die ganze Welt und über schlechte Literatur, die besonders schlecht ist, wenn sie die schlechte Welt beklagt und wählt die Nummer seiner Mutter. Und er denkt nach. Er tut mir leid. Er kann so schlecht Prioritäten setzen. Mein Wohnort scheint ihm so wichtig, wie das Wohlergehen seiner Mutter zu sein. Der Schnaps ist so wichtig wie sein neues Lebensprojekt. Ich muss daran denken, dass auch viele andere prioritätslos sind. 

Ich habe mit meinem hippen Freund in meiner Jugend zusammengelebt. Er fragte mich jeden Morgen, noch bevor ich aufgestanden war, ob es Ok ist, wenn er das anzieht was er grad anhat. Immer die gleiche Frage. „Ist es Ok wenn ich das anziehe was ich grad anhab?“ Lag ich bereits eine Weile wach, und hatte längst eine Haltung zum bevorstehenden Tag, dann habe ich ihm gesagt, dass mir die Zusammenstellung der Schuhe und des Unterhemds nicht gefallen würde. Das Spiel ging weiter: Er rannte wieder raus und kam wieder rein. Dann wieder raus, dann wieder rein. Manchmal konnte ich erkennen, dass er sich Tränen der Verzweiflung in den Ärmel seines Jeanshemdes gewischt hat. 

Wenn ich jedoch noch schlief sagte ich bloß: top. Manchmal zog er sich dann noch ein andersfarbiges Top an, weil er dachte, mein Kommentar beziehe sich ausschließlich auf seine Kleiderwahl. Traurig. Ich bin mit ihm auseinandergezogen, als es so schlimm wurde, dass er sich nur noch mit einem Handtuch abtrocknen konnte, das farblich passend zu seinem Lieblingsplattencover war und nur noch Gemüse kaufte, dass in unterschiedlichen Britpopnummern schon einmal besungen wurde. 

Umso mehr ich darüber nachdenke, während ich ihm dabei zusehe wie er gleichzeitig einen netten Abend mit mir verbringt, seiner Mutter von seiner neuen Idee erzählt und sie davon überzeugen will das Startkapital aufzustocken, seine letzten Seiten im Notizheft vollkritzelt und wahrscheinlich dabei noch nicht mal im Augenblick lebt, wird mir klar, dass er sich gar nicht verändert hat. Auch nicht, in dem er eine rote Hose trägt. 

Plötzlich: Und sag mal, wie geht’s dir eigentlich? Ich erzähle ihm, dass ich jeden Tag Arbeiten, in die Uni, zum Chor und zur Post gehe. Neben meinem Job gehe ich jetzt auch noch bei der Post eintüten. Manchmal muss ich auch alles wieder austüten, weil ich vergessen habe die neuen Werbeprospekte beizulegen. Das fällt mir leider immer sehr spät auf. Und dann ärgere ich mich darüber, dass ich mich dann immer genauso sehr darüber ärgere, als hätte ich 50.000 Euro an der Börse verloren. Und ich erzähle ihm, dass ich noch weitere 5 Jahre für mein Bachelorstudium brauche, weil der Job bei der Arbeit und der Job bei der Post genauso viel Zeit einnehmen, wie der Chor, in dem nicht nur gesungen sondern auch geschauspielert wird, weil der Chorleiter sich nicht entscheiden kann, was wir besser können. 

Ich schütte ihm wahrhaftig mein ganzes Herz aus. Als ich fertig bin legt er sein Handy weg und sagt, er müsse los, kurz noch was posten. Kurz bevor er sich den letzten Schnaps reinzieht sagt er noch: Du hast echt 'n Problem. Du kannst einfach keine Prioritäten setzen. Als er weg ist hole ich mir noch ein Starkbier und setze mich an den Stammtisch. Die wissen wenigstens was sie wollen, vor allem aber, was sie am meisten wollen.

 

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unbekannt
(unbekannt) am 07.08.2016 um 15:32 Uhr
great

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