Rückwärts im Nordosten

Zum Auftakt des Winterspielplans präsentierten zwei junge Estinnen die Premiere ihres Stückes „Vanavanemad – Unterwegs zu den Altältern“. Site4 von Christina Mergel (26.11.2015)
Titelbild

 

Nach der liebgewonnenen Treppenrede der Westflügel-Crew, mit der das Publikum begrüßt und in den Abend eingeführt wird, geht es für die Gäste dieses Mal nicht wie gewohnt nach oben in den Ballsaal. Anstatt es sich sofort passiv-sitzend auf den Zuschauerrängen bequem zu machen, soll sich das Publikum bei „Vanavanemad“ gemeinsam mit den beiden Künstlerinnen in Form eines „Walk-Acts“ auf eine Reise begeben: auf eine Reise nach Estland und auf eine Reise zurück in die Vergangenheit.

Mit einem großen alten Koffer in der Hand und einem Wechsel aus Deutsch und Estnisch auf den Lippen machen Kadri Kalda und Merike Paberits auf dem unteren Treppenabsatz ihren ersten Halt, um auch selbst einleitende Worte an ihr Publikum zu richten. Weiter geht es danach in die Bar „froelich & herrlich“, wo die beiden Künstlerinnen mit viel Energie und Frische die übliche Trennung zwischen Bühnen- und Zuschauerraum weiter aufbrechen. Kalda hüllt sich in einen bunten Kittel, in dem sie sich an ihre eigene Großmutter erinnert, Paberits stimmt tanzend estnische Melodien an. So mimen die beiden die Geschichte einer Hochzeit armer estnischer Leute. Der nächste Stopp führt die Theatergesellschaft zurück ins Treppenhaus, wo eine Aufnahme vom estnischen Liederfest 2014 an die Wand projiziert wird. Menschenketten, wie sie im Video zu sehen sind, haben in Estland Tradition und erfreuen sich offenbar auch einiger Beliebtheit. Dass diese körperliche Nähe zwischen Fremden unter den Anwesenden im Westflügel eher Unbehagen als ein Zusammengehörigkeitsgefühl auslöst, pointiert Kalda mit viel Charme und fordert dazu auf, sich dennoch an den Händen zu fassen und selbst eine Menschenkette zu bilden. Mit der estnischen Spielerin an der Spitze werden die Versammelten in den Theatersaal geführt. Begleitet von den Klängen des estnischen Dudelsacks, den Pabertis meisterhaft spielt, löst sich die Gemeinschaft wieder auf in Spielerinnen auf der Bühne und Zuschauer auf den Sitzplätzen - der Walk“ ist beendet. Das Stück aber bewegt sich weiter rückwärts auf dem Zeitstrahl, nimmt verschiedene Szenarien auf und bietet dabei Eindrücke von der Geschichte dieses baltischen Landes im Nordosten Europas.

Der Zuschreibung „Walk-Act“ kommt das Stück leider nur sehr minimalistisch nach. Weder werden die Haltestellen in der Bar und im Treppenhaus in ihren jeweiligen Eigenheiten ausgeschöpft, noch dringt man in Bereiche des Westflügels vor, die sonst vor den Augen der Öffentlichkeit verborgen bleiben. Dafür gibt es spielerisch und ganz nebenbei einiges zur Landesgeschichte und zur Sprache Estlands zu erfahren. Und nicht zuletzt ziehen auch die professionellen Musikeinlagen mit Dudelsack, Flöte und Gesang in ihren Bann. Selten vernimmt man eine derart umfassende Stille im Theater, wie an diesem Abend, wenn die beiden Spielerinnen für einen Moment innehalten. Mit starker Ausstrahlung bauen die beiden Frauen schnell eine so enge Verbindung zu ihren Zuschauern auf, dass man über die Längen, die das Stück in seiner Collagehaftigkeit mitunter aufkommen lässt, hinwegsehen kann.

Auch wenn am Ende der Eindruck bestehen bleibt, das Stück befände sich noch in seiner Entstehungsphase, bietet die Inszenierung den Blick auf das harmonische Zusammenspiel zweier talentierter junger Künstlerinnen, die ein persönliches Thema gefunden haben, das der Bearbeitung wert ist. Es bleibt zu hoffen, dass Regisseurin Christiane Zanger auch in Zukunft auf diese reizvolle Zusammenarbeit im Westflügel setzt.

 

Dauer: ca. 80 Minuten

Spiel und Text: Kadri Kalda

Live-Musik und Text: Merike Paberits

Grafische Gestaltung: Marja-Liisa Plats

Text und Regie: Christiane Zanger

Foto: Thilo Neubacher

Kommentare & Bewertungen

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Aria Thompson
Aria Thompson am 02.03.2016 um 08:19 Uhr
The description seems promising. I hope I will be able to see it live!

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