Rezension - "Der Apfel im Dunkeln" von Clarice Lispector

Titelbild

Caro Senhora Lispector, Werte Autorin,

ich muss Sie Siezen, wir kennen uns gar nicht;

Abend für Abend bezog ich meinen Posten, von allen Hügeln aus rund um die Fazenda (das brasilianische Wort für Farm, das mir jedes Mal begegnet, wenn ich mir einen brasilianischen Roman zu Gemüte führe) sah ich herab, mal an einem sonnigen, bedenklich ruhigen Nachmittag, an dem Martim seinen nicht enden wollenden oder sollenden Aufgaben auf dem Feld oder in der Scheune nachging, mal in einer stürmischen Nacht, die die herrische Gutsbesitzerin Vitória genauso wie ihre verträumte Nichte Ermelinda in Nachthemd und entrückter Liebesbegierde aus dem Haus zog; manchmal verbrachte ich auch meinen ganzen Abend damit, aus verschiedenen Perspektiven die Gedankenbilder der drei Figuren nachzuzeichnen, die sich öffneten und wieder verschlossen, mal ehrlich, mal heuchlerisch, oft verworren und doch mit überraschend klaren Pointen versehen.

Ich will damit sagen, liebe Senhora, dass für mich Ihr Roman keine Geschichte darstellt, sondern eine Situation, die ich das ganze Buch lang beobachte, die kaum voranschreitet; nur um sich selbst kreist. Hin und wieder hänge ich fest, vielleicht ist es meiner mangelnden Konzentration zuzuschreiben, doch vielleicht ist es auch Ihrer leidenschaftlichen Hingabe geschuldet, dass das Wort den Sinn tilgt. Nicht, dass Sie mich falsch verstehen, ich teile Ihre Liebe zu Wörtern, Sätzen, die existieren, um zu klingen, um sich miteinander zu paaren und noch erhebendere Gebilde zu formen, Absätze, die poesiegleich aus Ihrem Herzen zu entspringen scheinen und denen Ihr Verstand nicht begegnet ist. Das ist wunderschön, doch wenn ich nach fünf Seiten das Gefühl nicht loswerde, nicht zu wissen wohin die Reise geht, plädiere ich für feinfühlige Gefühle und philosophische Gedanken, die sich nicht zu Lasten des Verständnisses auftürmen.

Auf der sechsten Seite kehren wir dann zurück auf die Fazenda mit folgender Situation: Martim, im mittleren Alter, hat seine Frau ermordet, vermutlich aus Eifersucht. Er floh vor seiner Tat und sich selbst, stieß auf die besagte Fazenda, machte dort allerlei Arbeiten, die anfielen, wurde Objekt der Begierde für die naive Ermelinda und, zwar von Herrschsucht und harter Fassade unterdrückt, doch auch für Vitória. Ermelinda wickelte ihn um den Finger, verbrachte einige Nächte im Verborgenen mit ihm in seiner Scheune, entriss ihm doch plötzlich ihre Liebe wieder, da die Liebe ging, woher sie kam, ins Nichts. Vitória ist die interessantere Figur, sie kommandiert, befiehlt, oft absurd, nahezu verdorben, doch von Anfang an erkennt man ihre Schwäche. Dies war eine Kunst, Senhora Lispector, man spürt ihre Zerbrechlichkeit, als hätten Sie diese zwischen die Zeilen gelegt. Ihr emotionaler Ausbruch vor Martim, den Sie davor nur Kälte hat spüren lassen, ist das Herzstück Ihres Werkes. Vitórias Kampf mit sich und ihrer eigenen Wahrheit, die herauswill, doch erst einmal zugelassen werden muss, ist fantastisch. Ebenso Martims ignorante Reaktion, die sich mit desinteressierter Teilnahme verbindet, ist ein Paradebeispiel für die Charaktere. Vitória verrät ihn bei der Polizei…

„Verwundert begriff Martim, daß er nicht die Freiheit gesucht hatte. Er hatte sich befreien wollen, ja, doch nur, um ungehindert seinem Schicksal zu begegnen. Er hatte unfrei werden wollen und hatte sich durch ein Verbrechen befreit, nicht um ein Schicksal zu erfinden, sondern um etwas wichtiges nachzuahmen, was deshalb schicksalhaft war, weil es bereits existierte [] Doch seine Freiheit mochte noch so groß sein, er konnte nur erschaffen, was bereits existierte. Das große Gefängnis! Das große Gefängnis! Aber es hatte die Schönheit des Schwierigen…“

Ob wir uns in ungeahnte Tiefen begeben, auf „jene unsichere Art, wie man im Dunkeln nach einem Apfel greift, ohne daß er fällt“, wie es der Buchrücken verspricht oder, ob die Frucht der Sünde, Begierde und Wahrheit im Dunkeln hängt, aber trotzdem da ist, kann jeder für sich selbst entscheiden. Clarice Lispector, ich mag Ihren Roman, obwohl ich stets eine Barriere zwischen ihm und mir empfand. Ich werde mich noch an einem weiteren Ihrer Werke versuchen, um Sie vielleicht besser verstehen zu lernen.

Bis dahin,

Ihre Judith Felizita

 

suhrkamp Taschenbuch,

Aus dem brasilianischen Portugiesisch übersetzt von Curt Meyer-Clason

 

Über die Autorin: Nach einem Slalom hindurch zwischen soziologischen Theorien, die sie manchmal sogar verstand, und literarischen Diskursen, die konnten, was die Soziologie nicht konnte - sie berühren, bewirbt sie sich nun für einen Master, der ihr mehr entspricht.

Kommentare & Bewertungen (5) 

Jetzt selbst kommentieren/bewerten!
William Tillett
William Tillett am 08.06.2016 um 19:56 Uhr
I love this village housed in the photo, it's unique!
Elizabeth Etheridge
Elizabeth Etheridge am 18.05.2016 um 22:29 Uhr
It's such a good review. I love your style!
unbekannt
(unbekannt) am 02.04.2013 um 18:54 Uhr
Tips to save wedding dresses
unbekannt
(unbekannt) am 02.04.2013 um 18:54 Uhr
Tips to save wedding dresses
unbekannt
(unbekannt) am 21.05.2012 um 23:36 Uhr
Couture Vestidos de noiva, vestidos de casamento, vestidos de festa Couture Couture, vestidos de noiva, vestidos de dama de honra Couture Couture, vestidos de casamento de desconto Designer

© 2017 artileipzig.de - Sonja Laaser. All rights reserved.
all graphics, logos, designs, page headers, buttons, icons and other service names are the trademarks of nachtausgabe.de GmbH.