Rezension - "Lissabonleipzig" von Maria Gabriela Llansol

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Liebe Maria,

70 Seiten lang gab ich mir jede erdenkliche Mühe all meine Konzentration auf deine Worte, auf deine tagebuchartige Ausgeburt namens „Lissabonleipzig. Die unerwartete Begegnung des Verschiedenartigen“ zu lenken, ich arbeitete mich vor durch wirre Fragmente, Assoziationen, Beobachtungen deinerseits und blieb immer nach getaner Lektüre etwas verloren zurück. Ich will nicht behaupten, dass es mir keinerlei Freude bereitete zu lesen, was dich umtreibt, doch mir wurde keine Geschichte erzählt, keine Kultur oder tiefere Einsicht vermittelt und manchmal war ich wütend auf deinen Auswurf zusammenhangsloser Eindrücke. Ab und an verließ mich still, heimlich und leise meine Konzentration und meine Augen verfolgten die Wörter Zeile für Zeile, verstanden sie nicht, kamen vorwärts trotz alledem und ich bin geneigt zu sagen, dass mich in solchen Etappen diese collagenartigen Texte trugen, mit leichter Melodie irgendetwas in mir verstand, doch nicht mein Verstand.

Um den Rahmen abzustecken: du lebtest zur Zeit der Entstehung des Romanessays mit deinem Mann Augusto im belgischen Exil Herbais, da sich dieser zur Zeit der Dikatur Salazars weigerte in den Portugiesischen Kolonialkriegen zu kämpfen. Später seid ihr zurück nach Portugal gekehrt. Der Titel Lissabonleipzig hat nichts mit den beiden Städten zu tun, klingt wahrscheinlich einfach gängiger als Pessoabach und meint die fiktive Begegnung des deutschen Komponisten Johann Sebastian Bach mit dem portugiesischen Dichter und Schriftsteller Fernando Pessoa. Selbst wenn sie gewollt hätten, wäre ein Treffen allein zeitlich schwierig geworden (Bach *1685 in Leipzig, Pessoa *1888 in Lissabon). Herbais ist dieser Ort der Begenung zwischen Infausta, Aossê (Fernando Pessoa schrieb unter vier verschiedenen Pseudonymen, die jeweils einen eigenen Stil hatten; du, Maria, verfremdetest Pessoa auf deine Weise, indem du ihm eigene Pseudonyme gabst, Aossê zum Beispiel ist Pessoa rückwärts ohne P) und Bach, ebenso andere mehr oder weniger fiktive Gestalten oder deren Schatten sind von Zeit zu Zeit anwesend, irgendwo zwischen Illusion und purer Metapher in deiner Gedankenwelt.

Der fremde Dichter und der umfassende Musiker sind nicht mehr unabhängig voneinander.____________

(Maria, deine verlängerten Gedankenstriche, Unterstriche, erzählen sie von deinen Gedankenpausen, sind sie sprachkünstlerisches Mittel zur Gedankeneinfügung für den Leser oder sind sie eine rein ästhetische Nichtigkeit?)

sie sind eine Verbindung eingegangen die Lichter verlöschten die Nacht zerbrach oder der Faden der Zugkraft riß, das überfallartige Gefühl, das die Lebenskraft leert, nistet sich bei mir ein, falsches Wort (nur bis ich ein anderes finde oder es von Aossê erbitte), um den Ort zu bezeichnen, zu dem ich unterwegs bin.

Im Nachwort von João Barrento und Maria Etelvina Santos finde ich endlich einen Anhaltspunkt hinsichtlich der Frage „Warum Pessoa und warum Bach?“. Bach besitzt `die Macht, das Vielfache und das Verschiedenartige zu beherrschen`, eine Fähigkeit, die Aossê, eingetaucht in eine Vielgestalt verstreuter Bruchstücke, nicht kennt. So finden also Pessoa und Bach und Hölderlin sowie Meister Eckart, Thomas Müntzer oder Spinoza zusammen in deinen romantischen Skizzen, Umrissen und Bausteinen, die deine Wirklichkeit spiegeln. Wundersam klingen die Erklärungen deiner Herangehensweise, die du in Form von neun Danksagungen bei Literaturpreisverleihungen als endlosen Rattenschwanz an dein Werk bandest. Kann dein Werk denn nicht für sich stehen? Du kreist in mannigfaltigen Versionen um dich und deinen Schreibstil und um das, was sich bei dir in Worte formt und das erschöpft sich in sich selbst. Verführerisch mutete mir Lissabonleipzig an, denn es versprach mir ein Textgewebe wie Musik, eine schwindelfreie Sprache, die sich von traditioneller Literatur und den verbrauchten Romanthemen abgrenzt, ein Experiment à la „roman noveau“; dies klingt immer noch gut, doch mir gibt diese Art von Literatur weniger als erhofft.

Deine Judith Felizita

 

Leipziger Literaturverlag, 19,95 €

Aus dem Portugiesischen von Markus Sahr 2012

 

 

Über die Autorin: Nach einem Slalom hindurch zwischen soziologischen Theorien, die sie manchmal sogar verstand, und literarischen Diskursen, die konnten, was die Soziologie nicht konnte - sie berühren, wird sie nun ab Oktober ihren Master in angewandter Literaturwissenschaft machen.

Kommentare & Bewertungen

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Alexander Sullivan
Alexander Sullivan am 07.12.2016 um 15:35 Uhr
Great article. Thanks for that info about Maria Gabriela!

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