Rezension - "Nichts" von Janne Teller

27.06.2012
Titelbild

 

Hallo Fräulein Teller, 

in den letzten Jahren beschäftigte ich mich vorwiegend, anlässlich meiner schriftstellerischen Ambitionen, mit klassischer Literatur. Mir war damals nicht bewusst, welche Wichtigkeit die Sprache für den Inhalt darstellt; dass Sprache und Inhalt in Symbiose leben wie Körper und Geist. Werfen wir deshalb einen kurzen Blick auf die sogenannte Trivial/Unterhaltungsliteratur: Ein Bestseller ist häufig kein Buch, das sich durch hochwertige stilistische Attribute auszeichnet;  vielmehr fußt ein Kassenschlager auf schlichte dramaturgische Kniffe, einer spannenden, unkomplizierten – bisweilen auch kontroversen - Geschichte und einer Sprache, die nicht mehr will, als den Inhalt ins wörtliche zu übertragen. Ich habe nichts gegen Unterhaltungsliteratur einzuwenden; doch bleibt mir, als Liebhaber der Sprache, dieselbe allzu oft auf der Strecke. Man versucht nicht schön zu klingen, zu spielen, zu versuchen, zu korrespondieren – man will nur übersetzen. 

Warum aber das Gerede über klassische Literatur und Sprache? Nun, vor einiger Zeit stieß ich bei einem Amazon-Bummel rein zufällig auf Ihr Werk. „Nichts“ klang schon einmal sehr aussagekräftig, verheißt es doch eine Auseinandersetzung mit der Existenz. Als ich mir dann jedoch die Leserrezensionen durchlas, fühlte ich mich abgeschreckt; es war dieser Bericht eines Nutzers, der sich kritisch zu Ihren – ich wähle seine Worte - albernen Klimaxen äußerte und anbei zitierte

Angst. Mehr Angst. Am meisten Angst.

Ein Pflaumenbaum hat viele Äste. Viele lange Äste. Viel zu viele, viel zu lange Äste.

Ein Stein. Zwei Stein. Viele Steine. 

Schon hatte ich meine Vorbehalte. Nicht, weil Sie Klimaxe verwendeten: sondern weil ich den Eindruck gewonnen hatte, Sie wollten Ihrem Buch eine künstliche Tiefe unterjubeln. Dann las ich es allerdings doch – obwohl ich nach wie vor mit Vorurteilen belastet war. Es war der richtige Schritt, Ihrem Werk eine Chance zu geben. Die Idee gefällt mir sehr.

Der junge Pierre Anton verlässt die Schule, als er erkennt, dass nichts etwas bedeutet und es sich deshalb nicht lohnt, irgendetwas zu tun. Seine Klassenkameraden erschreckt diese nihilistische Haltung derart, dass sie sich genötigt sehen, ihn – und vor allem sich selbst – vom Gegenteil zu überzeugen: sie begeben sie sich in ein marodes Sägewerk, in dem sie alles zusammentragen wollen, was Bedeutung hat. Nach einigen Überlegungen fassen die Schüler den Entschluss, dass jeder etwas ihm Wertvolles entbehren muss: Boxhandschuhe, ein neues Rennrad, einen Gebetsteppich usw... allerdings werden immer größere Opfer gefordert, die im Laufe der Zeit die Grenze des Erträglichen maßlos überschreiten: so landen bald eine Adoptionsurkunde, der Sarg eines zweijährigen Jungen, ein Hundekadaver, eine Jesusstatue sowie auch ein abgetrennter Finger auf den sog. Berg aus Bedeutung. Eltern und Polizei schreiten ein. Selbst die Medien beginnen sich für den Berg aus Bedeutung zu interessieren. Doch zeigt sich Pierre Anton nach wie vor ungerührt. Lediglich Hohn hat er für seine naiven Kameraden übrig, die keine Kosten und Mühen scheuen, Bedeutung zu finden. Der Zorn seiner Mitschüler ist ihm indes gewiss.

Es kann in der Tat traumatische Auswirkungen haben, wenn man sich der Sinnlosigkeit allen Lebens klar wird, zumal doch der Wunsch nach Bedeutung einem natürlichen menschlichen Bedürfnis zugrunde liegt. Sie, Frau Teller, erzählen eine Geschichte über die Verzweiflung junger Menschen, die mit einer Wahrheit über das Leben und sich selbst nicht fertig werden und daher alles versuchen, sie zu widerlegen. Ein toller Stoff, doch haben Sie das Potenzial dessen nicht ausgeschöpft. Sie schreiben so große Sätze wie 

Warum sich nicht sofort eingestehen, dass nichts etwas bedeutet und dann das Nichts, das ist, genießen?

Das Nichts, das ist, sagen Sie; das ist doch ein ganz bemerkenswertes Paradoxon, welches aber leider völlig untergeht, da Sie es vorziehen, auf der Oberfläche zu verweilen. In philosophischer Hinsicht ist Ihr Buch absolut belanglos, kratzen Sie doch alles nur ein wenig an. Womöglich aber liegt es auch ganz in Ihrer Absicht: das Buch ist für Kinder-und Jugendliche geschrieben, warum dieselben also mit komplizierten Theorien und Gedankenspielen überfordern, wenn man doch eigentlich nur zum Nachdenken anregen möchte? Okay, lassen wir das mal so stehen. Und Ihre Sprache? Da bin ich geteilter Meinung. Sie wollen etwas mit ihr anstellen, eine gewisse Tiefe erzeugen, veranschaulichen... offenbar ist Ihnen allerdings nicht mehr eingefallen, als ein paar düstere Steigerungen beizumengen und Zeilensprünge zu machen. Was stört mich daran explizit? Sie pusten gleichsam einen Luftballon auf, legen ihn auf den Tisch und denken, jetzt ist der Raum perfekt für die Geburtstagsfete geschmückt. Verstehen Sie? Die Klimaxe in ihrer Geschichte sind lediglich wie dieser Luftballon; ein einziges gestalterisches Beiwerk für einen ganzen (Erzähl-)Raum. Warum haben sie nicht noch ein paar Girlanden aufgehängt, Konfetti verstreut und Kerzen angezündet, wenn Sie denn schon das Verlangen danach verspüren, zu dekorieren? Ein Luftballon wirkt etwas geistlos und nichtssagend.

Nichtsdestotrotz halte ich Ihren Roman für lesenswert. Wozu ist der einzelne fähig, wenn er etwas nicht wahrhaben möchte? 

S.

 

Janne Teller „Nichts“ 

Hanser-Verlag 144 Seiten, 12,90 Euro

Erscheinungsdatum: 26.07.2010

 

Über die Autorin:

Seit ihrem siebzehnten Lebensjahr ist sie Schriftstellerin und Romanamazone. Nobelpreis? Braucht sie nicht – zumal sie den ohnehin bekommt... früher oder später. Bis dahin schreibt sie und gibt die eine oder andere Kreation zum Abdruck frei.

 

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