Roter Samt und rotes Haar

Bevor der Winterspielplan im Westflügel Lindenfels eröffnet wird, gab es mit „Zaches“ noch eine märchenhafte Premiere von Lehmann & Wenzel zu sehen. Das Stück unter der Regie von Michael Vogel sorgte bisher bei allen Vorstellungen für ein volles Haus. Site4 von Christina Mergel (21.10.2015)
Titelbild

Ein roter Samtvorhang bildet das Zentrum auf der Bühne. Heben muss er sich allerdings nicht, um das Theater zu beginnen – daneben spielt die Musik! Rechts eine Gitarre, links ein Minikeyboard und ein Tablet. Auch die Figuren agieren daneben, davor, darüber, dahinter und sogar damit. Seine ursprüngliche Theaterrolle, den Blick auf das Spiel freizugeben, hat dieser Vorhang längst verloren. Und auch sonst sucht diese Vorstellung ihren ganz eigenen Weg.

Zwei geflügelte Marionetten sind auf den Buchsbäumchen am Rande der Spielfläche platziert. Aus den Lautsprechern klingen feierliche Bläser. In hautenge rohweiße Baumwollanzüge gekleidet kündigen Lehmann und Wenzel dazu das nun folgende Märchen von „Klein Zaches, genannt Zinnober“ an. Während Lehmann sich nun links des Vorhangs der Keyboardsounds annimmt, verschwindet Wenzel hinter dem roten Stoff. Darauf erscheint ein kleiner blauer Vogel, der vorwitzig herumblödelnd schließlich sogar genussvoll seine Notdurft darauf verrichtet. Rollenwechsel: Wenzel greift zur Gitarre und Lehmann zieht sich hinter den Vorhang zurück, auf dem alsbald ein riesiger Hirschkäfer seines Weges geht. Wer die Märchenvorlage kennt, mag darin die Motivik E.T.A. Hoffmanns entdecken. Um in die Zauberwelt einzutauchen, ist derlei Vorwissen aber nicht notwendig. Allerlei phantastische Wesen wie die mit langen Insektenbeinen ausgestattete Fee Rosabelverde oder der straußenartige Prosper Alpanus haben das Publikum schnell in ihren Bann gezogen. Und dann ist da noch Klein Zaches, der seiner Mutter Liese das ohnehin nicht leichte Leben noch schwerer macht. Zunächst nur durch einige leuchtend rote Flusen verkörpert, tanzt der Wechselbalg auf der Nase seiner Mutter herum. Am Boden kauernd verkauft diese ihren Sohn gewissenlos an den hoch über ihr stehenden Pfarrer. Ein Feenzauber beschert dem ungehobelten rothaarigen Kerlchen nun nicht nur eine steile Karriere, sondern auch das Herz der bildhübschen Candida. Um einen Blick auf diese zu erhaschen, wird sogar der Vorhang ein wenig gelüftet. Ihr Vater, der Professor Mosch Terpin, ist nicht weniger von Klein Zaches, der sich inzwischen Zinnober nennt, angetan – immerhin erhofft er sich seinen ganz eigenen Vorteil von der glückverheißenden Verbindung seiner Tochter: Das Studium im fürstlichen Weinkeller klingt zu verlockend! Nur der Student Balthasar im langen Mantel geht dem Zauber nicht auf den Leim.

Die beiden Spieler bringen mit ironischer Leichtigkeit eine Dynamik und Vielfalt auf die Bühne, die die etwa 80-minütige Vorstellung wie im Fluge vergehen lassen. Egal ob sie Marionetten, Hand- oder Stabpuppen zum Leben erwecken oder selbst in die Rollen der Figuren schlüpfen, alle Charaktere bekommen ihre eigene Persönlichkeit. So stolziert Lehmann als Vogel Prosper Alpanus mit hohen Schritten über den Boden, nachdem sie wenig zuvor als Candida noch den widerwärtigen roten Kopf Zinnobers angeschmachtet hat. Meisterhaft mimt Wenzel mit schauderhafter Halbmaske im Gesicht den unangenehmen Mosch Terpin. In all dem komischen Durcheinander rührt plötzlich das Vater-Tochter-Duett mit Udo Jürgens' „Liebe ohne Leiden“ so manchen unter den Zuschauern wehmütig an. Dann geht es wieder drunter und drüber, bis irgendwann auch der beständige Vorhang heruntergerissen und zu einer Art Herrschermantel für den größenwahnsinnigen Zinnober umfunktioniert wird. Als es in Kapitel Sechs dann „Aufräumen“ heißt, kann der aufgebrachte und gestürzte Zinnober am vorderen Bühnenrand auch nichts tun, als sich in seine Wut zu verbeißen. Von einem Motor angetrieben, rudert er vergebens mit den winzigen Ärmchen.

Zwischen roten Perücken, Grimassen, ausgestopften Hosen und von der Decke triefendem Glibber zeigen die beiden Spieler hingebungsvoll, mit viel Witz und Charme die Facetten ihres ganz eigenen Zaches. Den Bildreichtum, den das Märchen anbietet, kostet die Inszenierung auf unterhaltsamste Weise aus. Und am Ende steht nicht die Helligkeit einer aufgeklärten Welt, sondern das Spiel aus mystischem Lichtermeer und Dunkelheit.

Wer die Möglichkeit hat, sollte heute Abend auf jeden Fall die Chance nutzen, die vorerst letzte Vorstellung von „Zaches“ im Westflügel zu genießen.

 

Spiel und Musik: Samira Lehmann, Stefan Wenzel

Regie: Michael Vogel

Figuren: Samira Lehmann

Foto: Westflügel

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Sophia Tillett
Sophia Tillett am 10.01.2017 um 15:44 Uhr
This is amazing, love the colors!

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