Theater: Uraufführung von "Die Parallele" im Neuen Schauspiel am 28.06.

Gemeinschaft versus Aussenseiter? Das Stück „Die Parallele“ von elf jungen, enthusiastischen Menschen wehrt sich dagegen sich leichtfertig auf eine der Seiten zu stellen – eher will es die Frage neu stellen. Site4 von Sophia Richter (02.07.2013)
Titelbild

 

Es handelt sich um ein Projekt, das im Kollektiv entstanden ist, ohne typische Theaterhierarchien. Der Autor spielt selbst mit, einen Regisseur gibt es nicht. Es ging hier also nicht nur um die erzählte Geschichte sondern auch um ein Experiment, wobei mit gewissem politisch-kritischen Anspruch neue Formen der künstlerischen und gesellschaftlichen Zusammenarbeit geschaffen werden sollten. Das Experiment scheint funktioniert zu haben – das Ergebnis ist ein kraftvolles Spiel mit Gruppendynamiken.

Einen linearen Erzählstrang gibt es nicht. Zwei Hauptfiguren, Estha und Vlad, stehen einem Chor gegenüber, der die Gesellschaft repräsentiert. Von Anfang an klammern sich die beiden selbst aus oder werden ausgeklammert, das ist nie ganz deutlich zu unterscheiden. Die Gesellschaft nimmt verschiedenste Formen an, wirkt manchmal zerstreut, tritt aber meist geschlossen auf – mit chorischem Sprechen, körperlicher Gleichförmigkeit und rhythmischen Choreografien bilden sie einen Gegenpol zu den beiden Protagonisten, die unsicher und verworren sind in ihrem Auftreten. Sie haben zwar ebenfalls eine extreme Körperlichkeit, die aber eher an ein Stolpern und Wanken erinnert. Leider gehen die Protagonisten an manchen Stellen tatsächlich ein wenig unter, die Spieler können als einzelne Personen im Vergleich zum Chor an Präsenz nicht ganz mithalten.

Trotzdem sind keine klaren Fronten auszumachen. Anders als in ähnlichen Szenarien (z.B. im Film „Die Summe meiner einzelnen Teile“ von Hans Weingartner) ist die Gesellschaft nicht nur der Zwang und das Böse, sondern auch positive Stärke. Dieses Bild mag auch an der Entstehung des Stücks liegen, allen Beteiligten war die Gemeinschaft sehr wichtig, die sich im Probenprozess gefestigt hat.

Das Stück ist inspiriert vom Gelände hinter dem Leipziger Bahnhof, ein Stück Brachland, das inzwischen auf unterschiedlichste Weise genutzt wird – hauptsächlich von Obdachlosen. Dementsprechend ist das Bühnenbild karg, es gibt einen Steg von der Bühne in den Zuschauerraum und an der Seite tropfen drei Eisklötze langsam ab. Noch ein steter Rhythmus des Stücks. Die Kulmination der rhythmischen und chorischen Kraft findet das Stück als alle Spieler bis auf Vlad neben und im Publikum stehen und zu basslastiger Musik eine trommelnde, klatschende und stampfende Choreografie entwickeln, die sich immer mehr aufbäumt. Man ist gefangen und wird mitgerissen, weiß nicht wie man dieser Intensität entfliehen könnte und ob man es überhaupt will.

 

Von und mit Akamerot, Samuel Anton, Cora Czarnecki, Corinna Hansen, Maike Hautz, Martin Lauritz, Ina Luft, Oliver Müller, Clara Pötsch, Rahel Pötsch, Tilo Schreieck

 

weitere Infos: www.neues-schauspiel-leipzig.de

 

Über die Autorin: Sophia Richter studiert Germanistik und Philosophie in Leipzig und versteckt sich seit Kindertagen mit Vorliebe auf der Bühne, hinter Theaterollen und im Tanz. Weitere Artikel der Autorin gibt es hier

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