Transmediale BWPWAP – vom Pluto zur Rohrpost

Titelbild

Reisen wir zurück in eine ferne Zeit: „Als Mobiltelefone noch stumm waren. Briefe durch Rohrpostanlagen flogen. Tweets von Vögeln kamen…Youtube irgendein Web 2.0-start-up war.”  Begeben wir uns in eine Zeit, in der noch neun Planeten um die Sonne kreisten. So und nicht anders will es die diesjährige Transmediale. Das Medienkunstfestival führt uns mit seinem Motto BACK WHEN PLUTO WAS A PLANET, kurz BWPWAP, zurück ins Jahr 2006 – das Todesjahr des Planeten Pluto.
Zwar kreist Pluto noch immer durch das All, seinem Planetenstatus wurde in jenem Jahr jedoch durch eine Wahl der „Internationalen Astronomischen Union“ ein jähes Ende gesetzt. Auf der Suche nach einer schlüssigen Definition für den Begriff „Planet“ (denn nicht jeder Himmelskörper hat diese Bezeichnung verdient), fand sich das Komitee 2006 zu einem langwierigen Arbeitstreffen zusammen. Schließlich entschied die „Internationale Astronomische Union“ mehrheitlich, dass ein Planet eine gewisse Mindestgröße haben müsse, um als solcher zu gelten. Zum Leidwesen von Pluto – dem Winzling unter den Planeten unseres Sonnensystems – der fortan zum „Zwergplaneten“ degradiert wurde. Pluto wurde „de-planetized“, wie der Transmediale-Kurator Kristoffer Gansing in seiner Eröffnungsrede am Dienstagabend charmant formulierte.

Eigenes Bild 2 (gross)Diese Geschichte dient der Transmediale 2013 als Parabel, um nach den Auswirkungen und Krisen menschlicher Ordnungssysteme zu fragen. Denn Bezeichnungen und Kategorien, nach denen wir die Dinge um uns herum ordnen, sind weniger abstrakte Gerüste, als vielmehr Ordnungssysteme, die sich bis in unsere Erfahrungswelt einschreiben. Schauen wir anders auf Pluto, seitdem er nur noch ein Zwergplanet ist? Welche Folgen haben Verschiebungen unserer Kategorien – verändern sie nur Bezeichnungen oder die bezeichneten Dinge gleich mit? Die Transmediale 2013 widmet sich Bedeutungsmustern, ihren Verschiebungen und Zwischenräumen. Sie will re-kontextualisieren und re-klassifizieren, sich auf die Suche nach Erscheinungen begeben, „that exist out of time and place“.

Eigenes Bild 3 (gross)Raum für Anachronistisches bietet auch die Eröffnungszeremonie. Das kinetische Brieftransportsystem, a.k.a. Rohrpost findet hier ebenso Eingang wie eine altmodische „paper-based-presentation“. Das umfangreiche Transmediale-Programm (Ausstellung, Performances, Screenings, Workshops) erstreckt sich über den Zeitraum eines einzigen Pluto-Tages; jeder Erdentag entspricht ungefähr einer Tageszeit auf dem Zwergplaneten. Ob die Transmediale ihren Anspruch auch ästhetisch einlösen kann, bleibt jedoch abzuwarten. So setzt die Ausstellung in diesem Jahr nicht auf aufregend-sinnliche Kunst, sondern eher auf offensichtlich konzeptbasierte Arbeiten.
Der Eröffnungsabend fand seinen Ausklang nach mehreren Vorträgen in einer Wahl, die der des Komitees von 2006 nachempfunden war: Das Transmediale Publikum sollte darüber abstimmen ob es Pluto rehabilitieren und wieder in den Kreis der ‚ordentlichen‘ Planeten aufnehmen wolle. Die Mehrheit entschied sich dagegen. Manchmal kommt es eben doch auf die Größe an.

 

Transmediale BWPWAP
29.1. - 3.2.2013

Haus der Kulturen der Welt
John-Foster-Dulles-Allee 10
10557 Berlin

und an diversen anderen Orten; das ganze Programm unter
www.transmediale.de

 

Abbildungen (von oben nach unten):

Snake River and Grand Tetons go BWPWAP
© Ansel Adams

Installation OCTO P7C-1 at the Foyer
Juan Quinones / transmediale

Kristoffer Gansing at the Opening Ceremony
Galya Kovolova / transmediale

Über die Autorin:

Irgendwo zwischen Praxis und Theorie beschäftigt sich Thea am liebsten mit kreativer Medienverwendung, überraschender Kunst und paradoxen Gedankenspielen. Nachdem sie ihr Studium in Medienwissenschaft und Kulturmanagement erfolgreich bestritten hat, arbeitet sie nun für den bundesweiten Galerienverband. Und lernt seitdem auch die marktfähigen Facetten der Kunst kennen.

 

Kommentare & Bewertungen (2) 

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Emma Scarborough
Emma Scarborough am 15.12.2016 um 19:58 Uhr
Insane event, Transmediale made me so proud.
Emma Jones
Emma Jones am 31.08.2016 um 17:24 Uhr
This is really surprising. I thought transmediale is something else, thanks!

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