Unanständiges Mädchen

Die tausendköpfige Musikwiderständlerin M.I.A. veröffentlicht ihr viertes Album „Matangi“ Site4 von Robert Marschall (05.11.2013)
Titelbild

Der Mittelfinger. In westlichen Kulturkreisen gesetzlich anerkanntes Zeichen für Fuck You. So anerkannt, dass er beim Aufleuchten im Straßenverkehr empfindliche Strafen nach sich ziehen kann. So salonfähig, dass selbst Kanzlerkandidaten darauf zurückgreifen, wenn reden nicht mehr hilft. Und so zweifelhaft schön wie ein mit Öl auf Leinwand gemaltes Kunstwerk aus Hass und Missgunst. Seit Jahr und Tag haben wir alle das Verlangen unseren Mitmenschen den Finger zu zeigen, meistens um sie zu beleidigen, zu degradieren, zum Kampf aufzufordern, manchmal aber auch aus bloßem Instinkt heraus. Und es ist noch mehr als das. Der Fuck You- Finger ist auch das Save Our Souls der Moderne, ein verzweifelter Hilfeschrei in ohnmächtigen wie ausweglosen Situationen, etwa, wenn einem in der Diskussion, die man sowieso nie führen wollte, die Argumente ausgehen.

Für die Halftime- Show beim Super Bowl wird sie bestimmt nicht mehr gebucht

Mathangi Arulpragasam, bekannt als M.I.A., wurde schon oft zensiert. Für Songtextzeilen wie „Like PLO I don’t surrender“ (in Anspielung auf die quasi terroristische palästinensische Befreiungsorganisation), für Videos wie dem zum Song „Born Free“ von 2010, in dem sie eine fiktive Verfolgung von Rothaarigen thematisiert und an dessen Ende ein Junge von amerikanischen Polizisten per Kopfschuss getötet wird. Youtube sperrte den Film damals für Nutzer jünger als 18, mit der Begründung er sei „zu nackt“ und „zu brutal“. Das wohl bekannteste Beispiel von Zensur lieferte MTV schon 2008, als der Sender die Pistolenschüsse in „Paper Planes“ eigenhändig weichersamplete, natürlich ohne Einverständnis der Künstlerin. Beim Superbowl 2012 kam schließlich jede Revision zu spät, als M.I.A. während ihres Halftime- Auftrittes (mit Madonna und Nick Minaj) einem Millionenpublikum live und zur besten Sendezeit den Mittelfinger entgegenstreckte. Gegolten hat er vielen, womöglich uns allen.

Viele Puzzleteile sind einige zu viel

Matangi heißt das vierte Album von M.I.A., das ein schwieriges Werk ist und sich aus Arbeiten vergangener Jahre und brandneuen Stücken zusammensetzt. Um es zu verstehen, muss man den Werdegang von Maja mithören, die auf Sri Lanka groß geworden und als Jugendliche irgendwann in London gelandet ist. Ihr Vater Arul Pragasam (Arular) war tamilischer  Widerstandskämpfer, der für die Rechte seiner Minderheit einstand. Trotz der vergleichsweise behüteten Jahre in England, in denen sie am Londoner Saint Martins College of Art Kunst und Film studierte und später als Malerin tätig war, ist sie in einem stark politisierten Umfeld aufgewachsen. Aus jeder Pore ihrer Songs und Alben wird dies ersichtlich, auch auf Matangi. Man stelle sich das Puzzle einer großen, bedeutsamen Schlacht vor, bei dem die Puzzleteile nicht zueinander passen. Allerdings besitzen die Stücke auch keine Nasen und Einbuchtungen, sondern sind quadratisch. Tragik, Hoffnung, Kampf und Tod, Sonnenaufgang, Sonnenuntergang – jedes Thema ist ein mayaeigenes Puzzleteil und bekommt nicht länger als einen halben Track lang Zeit, seine Geschichte zu erzählen. Das Resultat ist ein riesiges Sammelsurium an Stilen, Rhythmen, Höhepunkten, Wendungen. Songs, die von Anfang bis Ende dieselben bleiben, kann man an zwei Fingern abzählen („Bad Girls“ und „Exodus“ zusammen mit The Weeknd), sie sind auch die stärksten Nummern auf „Matangi“. Meistens schwenkt M.I.A. aber zwischen ziemlich nervtötendem Dancehall, hinduistischen Einflüssen und Schlangenbeschwörer- Geflöte, zwischen einigen akzeptablen Sequenzen und vielen, die unzerstörbare Nerven erfordern. Durchhören war auch schon mal leichter. „Matangi“ bleibt dadurch ein Ideenkraftwerk, das vor Ideen kaum laufen kann, leider. Irgendwo hat sich M.I.A. den Ruf eingefangen, sie würde ihr Popcorn in die Mikrowelle stellen, nur um es explodieren zu lassen – so in etwa sind auch ihre Alben, allen voran dieses und M A Y A (2011), sie sind geplante Eskalationen.

M.I.A. ist ein unanständiges Mädchen, wenn es sein muss. Ihre Musik, ihr neues Album, ihr gesamtes Werk ist ein erhobener Mittelfinger, der überlebensgroß am Himmel schwebt. Weil ihre Plattenfirma die Veröffentlichung von Matangi aus unersichtlichen Gründen immer weiter hinauszögerte, hat sie Songs eigenhändig raus gebracht, geleakt also. Das Ergebnis kann sich trotz aller Kritik absolut sehen lassen.

Matangi erscheint auf Interscope Records und ist seit Montag erhältlich

___________________

miauk.com

___________________

Über den Autor: Robert Marschall, 25, lebt in Leipzig

Kommentare & Bewertungen (7) 

Jetzt selbst kommentieren/bewerten!
Elizabeth Obrien
Elizabeth Obrien am 04.01.2017 um 19:09 Uhr
PERFECT WOMAN. I am in love.
Sophia Scarborough
Sophia Scarborough am 04.11.2016 um 20:54 Uhr
This woman is a dream. Oh my god.
Helen Anderson
Helen Anderson am 23.08.2016 um 15:36 Uhr
She's not only beautiful, but also a great singer. Perfect woman!
Ethan Meekins
Ethan Meekins am 22.02.2016 um 15:35 Uhr

Mia ist genial. Ich liebe ihre Musik.
William Miller
William Miller am 29.01.2016 um 14:10 Uhr
Ich liebe Mia und ihre Musik
Anna Kelly
Anna Kelly am 31.12.2015 um 08:31 Uhr
Great hair and those lips!
Katarzyna S?owicka
Katarzyna S?owicka am 27.11.2015 um 14:15 Uhr
Ha, she has really beautiful lips! I wonder what kind of lipstick she uses. The pearls are great as well, though the eyes seem kind of aggressive :D

© 2017 artileipzig.de - Sonja Laaser. All rights reserved.
all graphics, logos, designs, page headers, buttons, icons and other service names are the trademarks of nachtausgabe.de GmbH.