Wer zuletzt lacht, lebt am längsten

Zum Auftakt für die neue Spielzeit hatte man sich im Lindenfels Westflügel Gäste aus Frankreich geladen: Das Puppenspiel-Ensemble La Pendue eröffnete das Sommer-Programm mit „Poli dégaine“. Site4 von Christina Mergel (06.05.2015)
Titelbild

Was der Name des Stückes erahnen lässt, bestätigt auch der erste Blick auf die Bühne. Der Abend steht im Zeichen der Rückbesinnung auf die Wurzeln der Figurentheater-Traditionen: Der Titel kündigt Polichinelle, eine klassische Figur des neapolitanischen Theaters aus dem 17. Jahrhundert, an, die Bühne ist ein typischer Kastenbau des Puppentheaters.

Mit einer schlechten und einer guten Nachricht begrüßen Estelle Charlier und Romuald Collinet dann ihr Publikum, vorgelesen in gebrochenem Deutsch: Das Stück sei leider auf Französisch, zu verstehen gebe es zum Glück aber nichts. Während Charlier in den Bühnenkasten schlüpft, übernimmt Collinet zunächst die Rolle des Moderators. Mit viel Überzeugungskraft, aber doch erfolglos versucht er Polichinelle, der sich als Handpuppe auf die Bühne des Guckkastens bequemt hat, zur Vorstellung zu bewegen. Der maskierte kleine Kerl mit der langen Nase im Gesicht und dem roten Gewand hat aber offenbar kein Interesse an der Auseinandersetzung mit Collinet und außer seiner Siesta nur wenig im Sinn. Dass ein Hund die Bühne übernimmt, passt Polichinelle, der sich inzwischen wieder aus dem Staub gemacht hat, allerdings auch nicht und ein rasanter Kampf um die Hauptrolle beginnt. Gleichermaßen unbedarft wie erbarmungslos geht Polichinelle dabei ans Werk und aus dem läppisch wirkenden Spiel wird für den Hund bald tödlicher Ernst. Das gleiche Schicksal ereilt wenig später nicht nur ein Huhn, das dem kleinen Küken – wie Polichinelle ironischerweise wörtlich übersetzt heißt – unterlegen ist, sondern auch die kurzzeitig Angebetete, die gemeinsamen Kinder, den Polizisten und schließlich sogar den Tod, der trotz seines dreifaltigen Auftrittes sterblicher ist als gedacht. Sie alle fallen dem rücksichtslosen Schlitzohr zum Opfer.

Charlier und Collinet erweisen sich als wahre Meister ihres Faches. Während die beiden in der Bühne selbst nicht sichtbar sind, vollziehen sie mit ihren Handpuppen perfekt abgestimmte Bewegungen und inszenieren eine unfassbar dynamische Show. Wie sie auf engstem Raum mit beiden Händen über den Köpfen vier Puppen gleichzeitig miteinander so harmonisch agieren lassen, ist kaum vorstellbar. Dass all das mit viel Herzblut und Leidenschaft einstudiert worden sein muss, ist offensichtlich und dennoch fühlt sich die Darbietung nicht an wie das Abspulen einer Routine, sondern wie fließende Spontaneität, die auch auf Rückmeldungen aus der Zuschauertribüne zu reagieren versteht. Und neben dieser handwerklichen Glanzleistung gelingt es den beiden auch noch, die alten Formate aus Kastenbühne und Polichinelle so erfrischend wiederzubeleben, dass jeder Scherz die Zuschauer treffsicher genau dort erreicht, wohin er abzielt. Hinter der niedlichen Aufmachung steckt bitterböse Grausamkeit im Slapstick-Gewand, die keine Moral vorgaukelt, wo auch gar keine sein soll. So entlarvt die jahrhundertealte Figur mit ihrem ebenso steten wie quäkenden Gelächter und ihrem bedingungslosen Witz genau den Kern eines intuitiven Humors, der die gelöstesten aller Lacher auslöst und dabei auch nicht nur ein einziges Mal abgedroschen wirkt. Ein fabelhaftes Amüsement!

Dauer: ca. 1 Stunde

Spiel und Musik: Estelle Charlier, Romuald Collinet

Konzept & Bühne: Romuald Collinet

Puppen: Estelle Charlier

Künstlerische Mitarbeit: Romaric Sangars

Foto: © La Pendue

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Kommentare & Bewertungen

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Marie Kennedy
Marie Kennedy am 25.02.2016 um 14:40 Uhr
Ich liebe das Puppentheater . Ich erinnere mich an diese sogar aus der Kindheit.

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