Wie ich das Leben liebe

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Das Leben ist ein Wunder. Eine geniale Idee und in sich ein geschlossener Kreis voller Makel. Das Leben ist eine Eizelle. Es umschließt sich selbst. Scheint undurchdringlich. Das Leben hat mit der Geschichte, welche uns trägt, rein gar nichts zu tun. Die Natur als solche findet ohne uns statt. Wachsen und sterben. Krankheit und Genesung.

Wir haben die Chance ein Teil davon zu sein wenn wir uns lossagen von der Geschichte, die uns geschrieben hat. Nicht wir sie. Wir lehren sie, die Geschichte, wir schreiben sie auf und doch kommen wir nur oberflächlich ein Stück weiter. Das Leben zu lieben heißt, es in Schutz zu nehmen. Es zu bewahren und vor allem es zu bemerken, wenn es leise an Dir vorbeizieht. Schau ihm hinterher, lass ein Lächeln zu und fühle, dass es okay ist, es für dich zu behalten. Teilen bedeutet Güte, aber auch ein Geheimnis zu entzweien. Es wie Brot zu brechen meint Liebe, doch will Unterwerfung. Wir wollen lieben wie wir leben und leben wie wir lieben. Und alles gleichzeitig und dann doch nicht. Die Sehnsüchte, die sich hier verirren machen manchmal Rast auf meinem Schoß. Formieren sich zu kleinen Soldaten, die mit ihren Gewehren auf mein Herz zielen. Sie starren mir Löcher in den Bauch, schießen mir Löcher in den Kopf und ich warte und warte und warte. Auf die U-Bahn. Auf das nächste Kapitel in dem großen Straßenmärchenbuch. Ich suche Zeile für Zeile, bin gespannt und übermüdet. Wo finde ich die Fortsetzung?

Auf einem Klodeckel verblutet der Stift eines anderen. Die Sätze ertrinken in Farbe und ich verpasse das letzte Wort, spüle es im Klo hinunter und lasse mich von Rauch und Musik in das nächste Sofa drücken. Irgendwer gibt mir ein Bier, langsam trinke ich es und sehe wie die Wände beginnen zu schwitzen. Ich denke, oh wow, verdammte Scheiße, das ist das Leben. Wände die schwitzen, Klos die rauchen und Biere die singen. Ich bin gerne hier fällt mir dann auf. Gerne mal zwischendurch, auch wenn ich mal nicht neben mir stehe. Doch meistens träume ich davon nicht hier zu sein. Ich träume davon das Leben woanders zu lieben. Es gibt so viele Orte wo ich das Leben lieben könnte, immer anders, in anderen Sprachen bei unterschiedlichen Temperaturen zu verschiedenen Jahreszeiten. Es so voller Hingabe zelebrieren, still und schweigend.

Und vielleicht immer ein bisschen überall eine andere zu sein. Sein zu dürfen. Mein Hirn ist ein ganzer Stall voller Zigeuner. Gedanke um Gedanke zieht umher und leise bimmeln Glöckchen in meinem Ohr, verkünden das große Wunder. Ich sehe die Sonne aufgehen und untergehen, fühle wie der orangene Schleier über meine Schultern weht.

Mit Fernweh in meinen Muskeln fahre ich Liebesbotschaften in fremden Sprachen auf Zugfenstern nach. Die Landschaft dahinter ist wie ein Bildschirmschoner, welcher im Sekundentakt von Bild zu Bild springt. In mir tuts weh und trotzdem bin ich glücklich. Glücklich über die Möglichkeit, über den Traum von der Tür und dem Gemälde dahinter.  Das Gemälde einer Karte voller Fähnchen, die in meinem Atem flackern. Sie weisen mir die Richtung und bestärken mich in ein tiefes und kaltes Wasser zu springen. Unter Wasser bedrängt mich ein Gemisch aus Sauerstoff und Furcht. Furcht, die mich belebt, mein Herz zum pochen zwingt und mich an die Oberfläche kämpfen lässt. Oben angekommen bin ich dann endlich da. Dort, wo ich mal zu Hause war.

 

 

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Mehta Kajal
Mehta Kajal am 07.08.2016 um 15:31 Uhr
Great post

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