Winternachtstraum … oder umgekehrt?

Zur letzten regulären Vorstellung im Jahr 2014 lud der Westflügel mit „Sommernachstsraum – reorganisiert“, einer erfrischenden Gemeinschaftsarbeit von Wilde & Vogel und Christoph Bochdansky unter der Regie von Astrid Griesbach. Site4 von Christina Mergel (22.12.2014)
Titelbild

Auf einer orangen Spielfläche befinden sich allerlei graue Stoffgebilde, die auf dem Meeresboden vorstellbar sind, auch aber auf dem Mond. Es hängt eine kleine Weltkugel von der Decke und hoch an der Wand thront die Mondsichel über allem Geschehen. Wo also sind wir – auf dem Mond oder der Erde?

In der rechten hinteren Ecke studieren zwei Männer in Anzügen einen Text ein, verfangen sich bald in einer Diskussion, mal angeregt, mal zänkisch. Von der Antwort auf die Frage, wie man sich Elfen vorzustellen habe, kann sich das Publikum beim Blick auf die Bühne durchaus ein Bild machen. Hier und da erkennt man eine kleine Gestalt, dort beginnt sich etwas zu bewegen.

Dann plötzlich steckt man mitten drin im ersten Akt vom „Sommernachtstraum“: Eine winzige Hermia – leichtfüßig und überzeugend als Marionette geführt von Michael Vogel – liegt im Zwist mit Vater Egeus – gespielt von Christoph Bochdansky. Die freche Tochter will sich den Heiratsplänen ihres Vaters widersetzen, weil sie auf dessen Wunschkandidaten Demetrius so gar keine Lust hat.

Gerade wenn man beginnt, sich in die bekannte Handlung von Shakespeares Drama einzufinden, fällt man schon wieder heraus. Irgendwo im Weltall, ein Athen auf dem Mond? Der Handlungsstrang wird ordentlich durcheinandergewürfelt frei nach dem Motto: „So oder umgekehrt!“

Die beiden Spieler schlüpfen von einer Rolle in die nächste, gleiten dann wieder ganz heraus, meistern den Wechsel von Schauspieler, Puppenspieler und Erzähler fulminant. Aus Teilen des Bühnenbildes wird die Pranke des Löwen, der mit lautem Gebrüll umhergeht. Ein mauliger Oberon, der im Gestrüpp des Waldes kauernd nur wenig an einen König erinnert, bettelt seine gravietätisch wandelnde Gattin Titania erfolglos um ein Wechselbalg an. Das weitere Verwirrspiel der Liebe wird mit vier orientierungslos durch den Raum rollenden goldenen Kugeln – Demetrius, Helena, Hermia und Lysander in symbolträchtiger Reduktion – in Szene gesetzt. Passend dazu findet Charlotte Wilde, die auf einem kleinen Rollpodest am Rand der orangefarbenen Matte sitzt, mit E-Violine und -Gitarre stets die passenden Töne. Von laut und schrill über ruhig und getragen hin zu „Ein Männlein steht im Walde“ stützt sie die Atmosphäre des Stückes.

Nach der Erkenntnis, dass Bochum nicht auf dem Mond liegt und sie sich wohl selbst auf eben diesem befinden, haben die beiden Spieler neben all dem Inszenierungsaufwand auch mit ganz anderen Dingen zu kämpfen: Während der eine vergeblich Fußabdrücke zu hinterlassen versucht, macht dem andern die Schwerelosigkeit zu schaffen. Dass ein personifizierter fünfter Akt auf seinen Auftritt aufmerksam machen muss, belustigt weit mehr als es verwundert. Das Spiel bewegt sich zwischen dem Toben ausgelassener Kinder und höchster Theaterkunst. Im Kreis rennend geraten Bochdansky und Vogel fast darüber in Rage, wer hier eigentlich wem hinterherjagt, dann folgen Momente der Stille, in denen sie sich an eine schlafende Schönheit anschmiegen.

Dass die inszenierten Konkurrenzkämpfe das Ergebnis eines hervorragend harmonischen Zusammenwirkens zweier talentierter und sowohl ausgebildeter als auch ausbildender Figurenspieler ist, zeigt sich nicht nur in dieser wundervoll eigenwilligen Interpretation des shakespeareschen „Sommernachtstraums“, sondern auch in dem offensichtlichen Spaß, den alle drei auf der Bühne haben und dem Publikum bereiten. Die gemeinsame Leidenschaft für die Liebe zum Detail und die Neigung zur absurden Humoristik, die in dieser vor zehn Jahren erstmals gezeigten Aufführung noch immer zum Ausdruck kommt, hat das Trio in der Produktion „FAUST spielen“ glücklicherweise fortgesetzt. Man darf hoffen, dass noch viele weitere solcher fruchtbaren Kooperationen folgen.

Dauer: ca. 75 Minuten

Eine weitere Vorstellung gibt es an Silvester: 31. Dezember ab 20 Uhr im Lindenfels Westflügel

Spiel und Ausstattung: Christoph Bochdansky und Michael VogelThumb_crop_200x100_blog_32045_8005_7491

Live-Musik: Charlotte Wilde

Regie: Astrid Griesbach

Fotos: Charlotte Wilde, Michael Vogel

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