a lot of body im Dialog: Minako Seki steht nicht. Sie hängt von der Erde herauf

Titelbild

Minako Seki lebt in ihren Imaginationen. Es sind die inneren Bilder, die ihre Suche nach Bewegung leiten. Darin versteht Minako Seki in erster Linie ihre Aufgabe als Tänzerin: Bewegungen mit dem eigenen Körper finden.
Die aus der dritten Generation des Butoh stammende, japanische Künstlerin lebt bereits seit Mitte der 80er Jahre in Berlin. Butoh entstand nach dem Zweiten Weltkrieg in Japan und brach mit den bis dahin bestehenden Konventionen japanischer Tanz- bzw. Theatertradition. Butoh kann als eine performative Strategie verstanden werden, die das persönliche Erleben der oder des Tanzenden in den Vordergrund stellt und zugleich Tanz, Theater und Improvisation vereint: Eine Art japanischer Ausdruckstanz.
Minako Seki entwickelte aus dem Butoh heraus ihre eigene Bewegungssprache: die Seki-Method. Vom 13. - 16.06.2013 ist Minako Seki im Duett mit dem Komponisten und Cellisten Willem Schulz im DOCK 11 zu erleben. In ihrer neuesten Performance „Existence“ bearbeitet sie große, lebensbestimmende Themen, wie Tod, Krankheit, Liebe und Hoffnung. „Existence“ kann auch als eine Art Hommage, an zwei ihrer bereits verstorbenen Geschwister, verstanden werden. Sie verarbeitet in dieser Produktion zum einen die Verlusterfahrung durch den Tod, zum anderen aber auch das Verständnis dafür, dass beide keinen Platz mehr im Leben hatten, wie sie sagt. 
Ich treffe mich mit Minako in einem kleinen Café am Paul-Linke Ufer. Sie zieht ihre Schuhe aus und setzt sich im Schneidersitz auf ein Sofa. Sie deutet auf ihr Tan-Den, den Bereich eine handbreit unter dem Bauchnabel: „Zwischen dem Tan-Den, deiner Mitte und deinem Steißbein entsteht ein Zwischenraum. Ein wichtiger Zwischenraum, von dem aus du dich innerlich aufrichtest.“ Ich richte mich sofort auf und versuche den Rest des Gesprächs in dieser Haltung zu bleiben. Minako schaut mich wach und gespannt an. Zwei schmale, geflochtene Zöpfe umrahmen ihr Gesicht. Sie nippt an ihrem Tee und ich lege mein Aufnahmegerät zwischen uns:

Eigenes Bild 2 (gross)

K.S.: Wie bist du in den 80er Jahren nach Westberlin gekommen und was hat dich hier nachhaltig inspiriert?

M.S.: Das Künstlerhaus Bethanien in Kreuzberg hat damals, 1986, ein Butoh-Festival veranstaltet. Das erste Butoh-Festival dieser Art hier in Berlin. Ich war eine von ungefähr zehn Tänzern aus Japan, die eingeladen wurden. Warum ich dann wiederum geblieben bin, hat einen ganz simplen Grund – ich hatte mich verliebt.
Und dennoch, ich glaube nicht an Zufall. Das hat damals alles so gepasst. Ich komme aus einem sehr traditionellen japanischen Elternhaus mit vielen Riten und mehr oder weniger strengen Hierarchien. Irgendwie habe ich schon von kleinauf dagegen rebelliert. Wenn du in Japan jemandem ein Geschenk übergibst, dann entschuldigst du dich höflich für dieses Geschenk. Ich kam in Deutschland an und wurde sofort umarmt und auf beide Wangen geküsst. Ich dachte mir >> endlich << – das finde ich toll. Minako umarmt die Leere vor ihr und küsst links und rechts in die Luft. Ich habe mich in Deutschland sehr befreit gefühlt, wenngleich ich in Japan nicht unterdrückt wurde. Aber dennoch, ich hatte bei meinem ersten Besuch in Berlin im Mai 1986 jeden Tag so etwas wie ein Déjà Vu: Das kennst du doch hier irgendwie! Und die 80er Jahre in Berlin waren zudem eine spannende Zeit. Butoh war noch nicht wirklich bekannt und alle haben sich darauf gestürzt und waren neugierig. Es war ein sehr guter Zeitpunkt um hier anzukommen. Ich war im damaligen Westberlin von Anfang an gefragt mit meinen Performances.

K.S.: In deiner aktuellen Produktion wagst du dich an große Themen wie Liebe und Tod. Wie vermittelt man über den eigenen Körper solch existenzielle Themen?

M.S.: Tanz ist ein wunderbares Mittel Empfindungen auszulösen, die ohne Sprache verstanden werden können. Jeder Zuschauer verbindet seine eigenen Assoziationen und Imaginationsfelder mit Tanz. Der Tanz arbeitet im Gegensatz zu logischen Gedanken mehr mit dem Raum und spricht daher eher unsere rechte Gehirnhälfte an. Sowohl was den Tänzer als auch den Zuschauer betrifft. Eine andere Form der Kommunikation entsteht. Und über den Tod zu sprechen. Ich weiß nicht, ich kann das nicht. Ich bin Tänzerin. 

K.S.: Wie kam die Zusammenarbeit mit dem Komponisten Willem Schulz zustande?

M.S.: Das war Zufall und zugleich gibt es wieder keinen Zufall. Ich hatte bereits eine erste Zusammenarbeit in Bremen mit ihm hinter mir. Mein Bruder war gerade verstorben und ich wollte eine Performance machen. Eine Art Hommage. Ich habe Willem angerufen  - er lebt in Bielefeld – ob er mir einen Cellisten hier in Berlin vermitteln kann. Er sagte, „Nein ich mache das!“ und schon am nächsten Tag haben wir begonnen zu arbeiten. Nun ist aus dieser mittlerweile langjährigen Zusammenarbeit „Existence“ entstanden. Willem Schulz ist dabei nicht nur Cellist, er ist auch Performer. Er bewegt sich und so können wir in unserer jeweils eigenen Art und Weise miteinander agieren. Das ist total spannend und sein Kopf ist dabei so flexibel. Noch nie hat er „Nein“ gesagt zu einem Vorschlag.

Eigenes Bild 3 (gross)K.S.: Du gehörst zur sogenannten dritten Generation des Butoh in Japan. Im Laufe der Jahre hast du zugleich deine eigene Bewegungssprache entwickelt – die Seki-Method. Was ist darunter zu verstehen?

M.S.: Mein damaliger Butoh-Meister schmiss einfach alle Sachen um, die bis dahin im Butoh existierten. Ich hatte zuvor noch keine Erfahrung mit Butoh gemacht und kam ganz frisch in die Gruppe. Mein Meister sagte auch immer er sei kein Lehrer, er unterrichte nicht. Und tatsächlich hat er nie etwas gesagt. Ich musste ihn beobachten, um zu lernen. Das Sehen war meine Lektion. Ich lernte während ich dabei zusah, wie er läuft, wie er isst, trinkt, raucht. Ich hatte auch keine andere Wahl, alles musste bei ihm immer sofort da sein und so habe ich eine Methode für mich entwickelt. Ich nenne sie >>Blitz<<. Indem ich nur ganz kurz schaue, erinnere ich das pure Bild ohne meine Interpretation. Ich habe bei ihm immer wieder die Augen auf und zu geschlagen. So haben sich mehr und mehr Bilder in meinem Kopf gesammelt, die ich beliebig hervorrufen kann. Minako schlägt mehrere Male ganz schnell die Augen auf und zu und fordert mich auf, es doch auch zu probieren.
Als ich hier in Berlin ankam habe ich nach und nach meine eigene Bewegungssprache daraus entwickelt. Die Seki-Method, die ganz stark über eigene Bilder bzw. Imagination funktioniert.
Wir stehen nicht, sondern wir hängen von der Erde. Diese Vorstellung ist so stark. Du hängst nach oben mit deinem eigenen Gewicht. Das ist etwas ganz anderes als wenn jemand sagt: „Steh gerade“. Ich tanze nicht so theoretisch oder nach einem Konzept. Ich tanze nach meiner Imagination und ich habe die Erfahrung gemacht, dass diese Vorstellungen einen so großen Einfluss darauf haben, wie du dich bewegst. Unser Körper besteht zu einem enorm großen Anteil aus Wasser und er ist ebenso flexibel wie eine mit Wasser befüllte Plastiktüte, wenn wir denn unsere Vorstellung dafür öffnen. Daran glaube ich oder besser: ich bin davon physikalisch überzeugt.

K.S.: Du beschreibst darüber hinaus deinen Tanzstil als „Dancing between“. Welchen Zwischenraum meinst du damit?


M.S.: Eben nicht: Pose, Pose, Pose, zack, fertig. Minako wirbelt mit ihren Armen in der Luft herum und mimt dabei Posen nach, die an rhythmische Sportgymnastik erinnern. Das bin ich nicht. Ich frage eher danach, wie wir Räume schaffen können. Es gibt diesen Zwischenraum. Zwischen zwei Punkten gibt es unendlich viele Punkte. So gehe ich mit dem Tanz um. Tanzen heißt Bewegung suchen. Mein Ziel ist es dabei über meine eigene Imagination eine Illusion für den Zuschauer zu schaffen. Wir alle leben in unseren jeweiligen Interpretationen der Welt. Daher möchte ich mit den Menschen, die meinen Tanz erleben, mittels dieser verschiedenen Interpretationen, kommunizieren.


„Existence“: Minako Seki und Willem Schulz
13. - 16.06.2013 jeweils um 20:30Uhr
DOCK11
STUDIOS


Kastanienallee 79
10435 Berlin

Tanz / Choreographie: Minako Seki
Komposition / Cello-Performance: Willem Schulz
Kostüm: Mido Kawamura
Fotos: (von oben nach unten) Nils Willers, Nicolas Clements, Oscar Martin-El

www.minakoseki.com

Über die Autorin:
Nach dem Studium der Europäischen Medienwissenschaft, Filmwissenschaft und Kulturwissenschaftlichen Medienforschung in Potsdam, Kopenhagen und Weimar kehrt Katharina zurück nach Berlin und widmet sich voll und ganz der Wissenschaft des bewegten Körpers. Seit Oktober 2011 studiert sie Tanzwissenschaft und lässt dabei auch wieder ihren eigenen Körper zu Wort kommen. Jeden fünften Freitag im Monat erscheint ihre Reihe „a lot of body“, in der sie ins Gespräch kommt mit den Menschen, die dem Körper eine Bühne geben.

Kommentare & Bewertungen (4) 

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Helen Anderson
Helen Anderson am 06.12.2016 um 18:33 Uhr
Pictures are really good. I like this photo style.
Anna Scarborough
Anna Scarborough am 11.07.2016 um 20:06 Uhr
This pictures are amazing. Look like science fiction.
Frank Cohen
Frank Cohen am 05.06.2016 um 22:52 Uhr
Such a good photos. Love her style and haircut!
Anna Brown
Anna Brown am 09.12.2015 um 10:04 Uhr
Ich bin ein Fan von Minako Seki.

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