a lot of body im Dialog: Tanz in Serie. „Lucky Trimmer“ und das Glück im Kurzformat

Titelbild

„Lucky Trimmer“ – ein Festival für Tanz benannt nach einem Fitnessgerät für den Heimbedarf, das sich Entertainment auf die Fahnen schreibt und gerade darin ernst genommen werden will. Das darüber hinaus einen eigenen Cocktail im Corporate Design auf der Karte führt und sich mittlerweile ein Stammpublikum weit über die Grenzen Berlins erarbeitet hat, welches sogar seinen Berlinurlaub nach den Festivaldaten taktet. Irgendetwas muss wohl dran sein am Suchtpotenzial von „Lucky Trimmer“. An all die Berührungsängstigen, die sich bisher nicht an Tanz gewagt haben – vielleicht ist es diesmal doch einen Versuch wert.
Bei Doreen Markert hat es in jedem Falle funktioniert. Von Berufswegen her Psychologin lernte sie „Lucky Trimmer“ als Zuschauerin kennen. 2008 wechselte sie die Seiten und arbeitet seitdem ehrenamtlich als Verantwortliche für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit bei „Lucky Trimmer“. 2010 macht sie sich schließlich als Tanzproduzentin selbstständig. Im Gespräch mit Doreen Markert über ein Festival, das irgendwie aus der Reihe tanzt:

K.S.: Welche Idee steckt hinter „Lucky Trimmer“?

D.M.: Als Clint Lutes, der Begründer von Lucky Trimmer, Anfang der 2000er Jahre aus den USA nach Berlin kam, hatte er hier in Berlin keine Möglichkeit als Choreograph Stücke zu produzieren, die eben keinen ganzen Abend füllen. Du hast als Künstler, und das ist keine Frage von Erfahrung, eben nicht immer eine Idee für eine abendfüllende Produktion.

Eigenes Bild 2 (gross)Im Gegensatz zu den USA existierte in Deutschland für das Format des Short Dance oder 'Kurztanz' zu der Zeit in Berlin keine Plattform. Eben das bietet Lucky Trimmer: Wir zeigen fertige Stücke von maximal zehn Minuten Länge und begreifen den Abend zugleich als ein Gesamtkunstwerk. Das heißt die Reihenfolge der Stücke ist keinesfalls willkürlich gewählt, sondern ein Kuratorium baut bewusst eine Dramaturgie und schafft damit einen für den Zuschauer funktionierenden Abend.

K.S.: „Lucky Trimmer“ hat 2004 also gewusst eine Lücke in der Berliner Tanzszene zu füllen.

D.M.: Das Potenzial war auf alle Fälle groß, wenngleich das Format an sich keineswegs neu war. Es gibt eine „Lucky Trimmer“ Schwester in New York und die haben im Prinzip das gleiche Format.

K.S.: Nicht nur auf Seiten der Künstler_innen seid ihr auf Nachfrage gestoßen, auch das Publikum hat euch von Beginn an mit Interesse verfolgt. Worin siehst du dabei die Potenziale des Kurzformats?

D.M.: Der 10-Minüter ist wirklich etwas Besonderes. Pointen sind z.B. etwas Typisches. Das muss nicht immer etwas Witziges sein, sondern eben irgendeine Story oder ein Rätsel, das am Ende zu einer Art Auflösung kommt. In der Dramaturgie eines eineinhalbstündigen Stückes würde man nie auf solche Pointen gehen. Zudem trauen sich die Künstler in zehn Minuten eher zu experimentieren. Sicher muss man genauso proben und ebenso eine Idee entwickeln, aber der Aufwand ist erst mal geringer, wenn man eine Idee einfach ausprobieren kann. Da kann man auch mutiger sein. Für den Zuschauer ist es toll, eine solche Vielfalt an einem Abend zu erleben und wenn einem etwas zwischen den sieben, acht Produktionen nicht gefällt, dann ist es eben auch nach zehn Minuten wieder vorbei. Das Publikum gewinnt eine Art Überblick. Keinesfalls sollen die Produktionen in irgendeiner Art und Weise als repräsentativ gelten, jedoch sieht man in eineinhalb Stunden sehr viel, bekommt viel Input und kann sich mit einem Künstler danach ja intensiver beschäftigen. Sicher, ein solcher Abend ist auch eine kognitive Herausforderung, aber Zugänge zu schaffen, ist dann wieder eine Frage der Dramaturgie. „Lucky Trimmer“ versucht, und ich denke das war auch eine der Hauptmotivationen von Clint Lutes 2004, mehr Leichtigkeit und Experimentierfreude in die Tanzszene zu bringen, sowohl was die Künstler angeht, als auch das Publikum.

K.S.: Leichtigkeit und Experimentierfreude - ist das eine Besonderheit, die euch zu anderen Tanzfestivals in Berlin abgrenzt?

D.M.: Womöglich. Wir werden mittlerweile als ein Festival wahrgenommen, das jenseits dieser typischen Kategorien denkt: „Dieses und jenes ist Tanz und das andere eben nicht“. Und darüber hinaus auch jenseits der Unterscheidung von Entertainment und ernster Kunst. Wir haben keine Berührungsängste ein ernstes Tanzstück neben einen Film zu stellen und danach kommt dann eine Zirkus-Akrobatik-Nummer – wenn es denn dramaturgisch funktioniert. Für uns ist Entertainment keine schlechte Sache. Kunst darf auch unterhaltend sein, da gibt es bei „Lucky Trimmer“ keine Grenzen.

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K.S.: Schlägt sich das auch in den Bewerbungen für „Lucky Trimmer“ nieder, die mittlerweile aus ganz Europa an euch gehen? Könntest du ausgehend von den Einsendungen Tendenzen ausmachen, wohin sich der 'zeitgenössische Tanz' bewegt?

D.M.: Ich weiß nicht, ob es das nicht schon immer gegeben hat, aber eine Tendenz könnte sein, dass es immer schwerer wird die Produktionen in eben diese Kategorien einzuordnen. Es funktioniert immer weniger, zu sagen z.B. das ist Theater und das ist Tanz. Auch wenn man sich die Ausbildungsinhalte der Leute anschaut, die sich bewerben. Das sind nicht mehr alles Choreographen und Tänzer. Sie kommen aus allen möglichen Richtungen, verstehen sich aber   trotzdem als Choreographen, da sie auf irgendeine Art und Weise mit dem Körper arbeiten. Was auch definitiv zugenommen hat, sind installative Performances, die in kein klassisches Bühnensetting passen. Wir haben mittlerweile einen Pool an solchen Stücken gesammelt, die an einem „Lucky Trimmer“ Abend schlicht nicht funktionieren. Auch das ist eine dramaturgische Entscheidung - obwohl das gute Stücke sind und wir mit einer Art Sonderveranstaltung locker einen Abend füllen könnten. Ideen für die Zukunft gibt es also viele. Auch würden wir „Lucky Trimmer“ gern auf Reisen schicken und damit den Künstlern die Möglichkeit einer kleinen Tournee bieten. Zudem feiert „Lucky Trimmer“ im nächsten Jahr zehnjähriges Jubiläum. Auf ein Lucky-Special kann das Publikum gespannt sein.

K.S.: Ich danke Dir für das Interview, Doreen.

„Lucky Trimmer“ findet am 05. und 06. April im Festsaal der Sophiensæle statt. Weitere Informationen zum Festival findet Ihr unter: http://www.luckytrimmer.com/


Flyer: Foto: Siri Berting / Design: Amy Stafford
Bild 2: Dennis Yenmez
Bild 3: Sarah Marguier


Über die Autorin: Nach dem Studium der Europäischen Medienwissenschaft, Filmwissenschaft und Kulturwissenschaftlichen Medienforschung in Potsdam, Kopenhagen und Weimar kehrt Katharina zurück nach Berlin und widmet sich voll und ganz der Wissenschaft des bewegten Körpers. Seit Oktober 2011 studiert sie Tanzwissenschaft und lässt dabei auch wieder ihren eigenen Körper zu Wort kommen. Jeden fünften Freitag im Monat erscheint ihre Reihe „a lot of body“, in der sie ins Gespräch kommt mit den Menschen, die dem Körper eine Bühne geben.

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