euro-scene 2014: Tanz aus Albanien

Bei der diesjährigen euro-scene mit dem Überthema "Transit" ist viel aus Süd-/Osteuropa zu sehen. So auch die albanische Dance theatre company. Site4 von Sophia Richter (07.11.2014)
Titelbild

Die im Jahr 2000 gegründete Albanian dance theatre company ist Albaniens einziges zeitgenössisches Tanzensemble. Die Company stellt sich mit zwei Tanzstücken bei der euro-scene 2014 in Leipzig vor.

Das erste Stück des Abends („Extreme makeover – Culture clash II“) ist choreografiert von Gjergj Prevazi, dem Gründer der Company, und Katharina Maschenka Horn, die gleichzeitig als Tänzerin auf der Bühne zu sehen ist. Zu Beginn des Tanzduetts sitzen Katharina Maschenka Horn und Labinot Rexhepi in ihrer Rolle als Paar nebeneinander auf Stühlen und blicken ins Publikum. Vom Band gesprochen hört man die beiden abwechselnd – sie auf deutsch, er auf albanisch – über ihre Beziehung sprechen. Wie sie sich auf Facebook kennen gelernt haben, sich auf den ersten Blick verliebt haben, ein Paar geworden sind und jetzt Probleme haben, die als durch ihren unterschiedlichen kulturellen Hintergrund bedingt dargestellt werden. Diese Texte wirken recht platt und klischeebeladen. Er als der südländische Macho, der Probleme hat seine Gefühle auszudrücken, aber sehr leidenschaftlich und in großen Gesten wildromantisch ist, und sie als die prüde Deutsche, die sich erst zu wilder Romantik überreden lassen muss und stur und ordnungsliebend ist. Dabei werden sowohl kulturelle als auch Genderklischess bedient. Darüber hinaus wird wenig erzählt. Nach diesem Intro wird die ganze Geschichte dann in Tanz umgesetzt. Dabei wird dem Ganzen jedoch wenig hinzugefügt. Die Alltagshandlungen und -situationen sind zu wenig abstrahiert als dass der Tanz etwas Neues oder Unerwartetes evozieren würde. An einigen Stellen gibt es choreografisch schöne Momente, die das Stück jedoch nicht tragen können. Eingeschoben in die Streit-, Versöhnungs- und Verführungsszenarien ist eine Zäsur in Form einer Ansprache vom Band, die den Titel des Stücks aufgreift und die Geschichte der beiden in eine Art Gameshow zur Beziehungsoptimierung einbettet – auch das wirkt leider unmotiviert und wie eine unausgereifte Idee. Am Ende schreiten die beiden über die Bühne, vom Publikum abgewandt, Arm in Arm in den Sonnenuntergang. Wie schön.

 

Zwischen (Zusammen-)Spiel und Kampf

 

Nach einer kurzen Pause zeigt die Albanian dance theatre company dann ein zweites Stück („Without blood“). Es handelt sich wieder um eine Choreografie von Gjergj Prevazi, doch stehen diesmal fünf Tänzer auf der Bühne. Die Geschichte und das Thema bleiben hier sehr viel unkonkreter, was eindeutig positiv zu werten ist. Denn statt in Klischees hängen zu bleiben, entstehen auf der Bühne kraftvolle Bilder und starke Stimmungsgegensätze, die sehr viel erzählen.

Es wird viel mit Wiederholungen und Varianten von Motiven gearbeitet. In einem ersten Teil schleppen sich die Tänzer immer wieder von der selben Seite über die Bühne, zunächst von zwei, dann nur noch von einer Krücke gestützt und schließlich am Boden umfallend und rollend sich voranziehend. Als sie dann alle zusammen auf der Bühne bleiben, entwickelt sich ein Spiel zwischen ihnen, das stetig droht ins Kämpferische, Feindliche umzuschlagen. Beim kindlichen Fangenspiel gehen plötzlich alle auf eine los und machen sie zu einer Schuldigen. Was zunächst nach einem liebevollen, leichtfüßigen Duett zwischen zwei der Tänzer aussieht, wird in der Wiederholung zu etwas gänzlich anderem – eine der beiden hat auf einmal eine Waffe in der Hand, die sich während des Tanzens immer wieder auf den anderen richtet. So werden alle Bewegungen ohne eine Veränderung der Tanzhaltung, nur durch ein Requisit, völlig umbewertet. Und während dieses tödliche Duett sich abspielt, umarmen sich im Hintergrund zwei Tänzer, die zuvor in einer konkurrenzartigen Auseinandersetzung um ihren Platz stritten. So stehen immer zwischenmenschliches Verstehen und Rivalität und Feindlichkeit nebeneinander im Raum. Das verleiht dem kurzen, kompakten Tanzquintett eine tiefe Traurigkeit und Verzweiflung.

 

Tänzer ("Extreme makeover - culture clash II"): Katharina Maschenka Horn, Labinot Rexhepi

Choreografie ("Extreme makeover - culture clash II"): Katharina Maschenka Horn, Gjergj Prevazi

Tänzer ("Without blood"): Akreoma Saliu, Elona Zyberi, Elton Cefa, Fjorald Doci, Robert Nuha

Choreografie ("Without blood"): Gjergj Prevazi

 

Foto (Titelbild): Tristan Sherifi, Durres


Über die Autorin: Sophia Richter studiert Germanistik und Philosophie in Leipzig und versteckt sich seit Kindertagen mit Vorliebe auf der Bühne, hinter Theaterollen und im Tanz. Weitere Artikel der Autorin gibt es hier

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