euro-scene 2014: Tödlicher Aberglaube

Das bulgarische Puppentheater Plovdiv war mit „Vgrajdane“ (dt.: „Die Eingemauerte“) bei der euro-scene 2014 vertreten. Mit drei Aufführungen feierte das zwei Stück seine Deutschlandpremiere in der Diskothek. Site4 von Christina Mergel (16.11.2014)
Titelbild

In die Stille der Dunkelheit hinein ertönt ein Klopfen. Dazu flackert kurz ein Licht wie ein Funkenschlag auf: Eine erste Vorahnung auf die Szenengestaltung wird sichtbar. Vom Boden zwischen Zuschauerraum und Bühne ist schräg zur Bühnenkante hin ein Netz gespannt. Darauf sind Steine angebracht, die durch diese locker schwebende Verankerung bei Erschütterungen in Auf-und-Ab-Bewegungen versetzt werden. Während das Bühnenbild sich so nach vorne hin in den Publikumsraum ausdehnt, ist das Sichtfeld der Bühne nach oben hin stark eingeschränkt. Der Vorhang ist so weit herabgelassen, dass der Blick nur auf den Bein- und Fuß-Ausschnitt der Darsteller freigegeben ist.

Über Tonaufnahmen werden bulgarische Gespräche im Flüsterton eingespielt. Geheimnisvoll und mystisch wirken sie in diesem begrenzten dunklen, nur von Steinen besiedelten Bühnenraum. Die deutschen Übertitel vermitteln eine leise Ahnung davon, dass man sich in einer Zeit befindet, wo Aberglaube das Denken der Menschen bestimmt, ebenso wie die Vorstellung, die Rolle der Frau bestehe darin, ihren Mann zu umsorgen, seine Wäsche zu waschen und das Haus zu fegen.

Auf der Bühne befinden sich vier Männer in weißen Leinenhemden und kurzen braunen Hosen. Sie gehen ihrem Werk, eine Brücke zu bauen, zielstrebig nach. Da sie nun in einem gesenkten Teil der Bühne stehen, sind ihre Oberkörper trotz der engen Perspektive sichtbar. Rhythmisch klopfen sie Steine und schichten diese auf, um den Fluss trockenen Fußes passierbar zu machen. Man sieht Frauenfüße über die Steinreihe balancieren und Männer, die den Koketten behilflich zu sein versuchen. Die Absicht, den jungen Frauen dabei näherzukommen, liegt dabei auf der Hand. Es ist das klischeehafte Spiel von Frauen, die um sich werben lassen, um dann als brave Hausfrau ein vorherbestimmtes Dasein zu fristen, und Männern, die eben darum werben. Diesem Muster folgend kristallisiert sich die Geschichte zweier Verliebter heraus. Man sieht wie Brückenbauer Manol und Neda sich im Wasser spielend einander annähern. Auf die Darstellung komplexerer Strukturen innerhalb der Beziehung wird verzichtet, die alte Rollenverteilung greift auch hier. Beide Seiten scheinen mit dem Ergebnis ihrer Partnerschaft zufrieden. Überschattet wird das Zwischenmenschliche jedoch vom alten Ritus, dass ein Mensch in eine neue Brücke eingemauert werden müsse, um ihr Widerstandskraft zu verleihen. Die nächste Frau, die die Brücke überquert, soll nach dem Beschluss der vier Brückenbauer das Opfer sein. Die Spieler und Spielerinnen sind wortlos, über die Vorgänge des Stückes wird das Publikum stets nur über die flüsternden Einspieler informiert. Manol sorgt sich um das Leben seiner jungen Frau, doch das alte Brauchtum – getragen vom Aberglauben – wird in seiner Gültigkeit dennoch nicht infrage gestellt. Kurzzeitig taucht am Rand der Bühne die düstere Gestalt einer alten bleichen Frau auf. Man hört das Gewässer wie einen Sumpf brodeln. Das Schicksal nimmt seinen Lauf...

Der Zugang zu diesem Geflecht aus Liebe, Aberglauben und der Verantwortung des Einzelnen im Spannungsfeld der beiden fällt schwer. Wie ein abstraktes Märchen werden die Abläufe auf der Bühne sichtbar, doch wirklich nachvollziehbar werden sie nicht. Eindrucksvoll im Gegensatz zur Geschichte ist die Umsetzung auf der Bühne: Die einzelnen Szenen werden abgegrenzt und verbunden zugleich durch Choreographien des Horos, eines bulgarischen Volkstanzes. Hier wirkt der Clou, dass man die Tanzenden nur hüftabwärts sieht, besonders gelungen. Gesteigert wird diese Wirkung durch einen Kniff, der hinter dem Vorhang verborgen liegt. An einer für die Theatergäste unsichtbaren Stange können sich die sieben Darsteller hangeln, heraufziehen und herablassen und so mit ihren Beinen und Füßen den Anschein erwecken, als könnten sie fliegen, in Zeitlupe springen oder sonstige magische Kunststücke vollführen. Von diesem Effekt wird auch wohl dosiert innerhalb der Szenen Gebrauch gemacht, was humorvolle Pointen setzt. Die Inszenierung gibt den Darstellern leider nicht die Möglichkeit, als starke Charaktere brillieren. Das Ziel, Emotionen ohne Worte und Mimik und nur durch Gebärden der Füße auszudrücken, wird dagegen erstaunlich gut umgesetzt. Die Puppe der alten Frau – Symbol für Manols Gewissensbisse oder für den Aberglauben selbst? – wird sehr lakonisch eingesetzt, unterstützt dadurch zwar vielleicht das Geheimnisvolle der Inszenierung, erfüllt aber nur bedingt die Erwartungen an ein "Puppentheater". Harte Rhythmik zu kraftvollen Klängen, die Begegnung von Steinen und Wasser sowie der körperliche Ausdruck der sieben Darsteller tragen „Die Eingemauerte“ und bieten so einen Ausgleich für die Befremdung auf inhaltlicher Seite.

In bulgarischer Sprache mit deutscher Übertitelung.

Konzeption, Text und Inszenierung: Veselka Kuncheva

Choreografie: Stefan Vitanov

Musik: Hristo Namliev

Bühnenbild, Kostüme und Puppe: Marieta Golomehova

Text: Maria Stankova

Darsteller: Mihaela Andonova, Polina Hristova, Natalia Vassileva, Jivko Djuranov, Stoyan Doychev, Alexander Karamanov, Rossen Russev

Foto: Ivan Donchev, Sofia

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