Höchster Anspruch

Ben van Gelders Quintett mit technischer Brillanz, die Laien jedoch verschrecken könnte Site4 von Denis Gießler (27.09.2013)
Titelbild

Bereits in der Kindheit "Jazzifiziert"

Das Ende September erschienene Debut-Album „Reprise“ will mit frischem, hochdifferenzierten und markanten Jazz überzeugen. Van Gelder, der bereits in seiner Kindheit – bedingt durch die Eltern – früh mit Musik in Berührung kam, studierte in Amsterdam und ging dann nach New York, um mit Musikern wie den Tenorsaxophonstar Mark Turner seine musikalischen Fähigkeiten im Altsaxophon und der Klarinette zu verbessern.

Van Gelder, der – bis auf eine – alle Kompositionen selbst verfasst hat, will den Modern Jazz mit starken, einprägsamen Melodien weiterentwickeln. Gelders Partner im Quintett sind dabei Peter Schlamb (Vibraphon), Sam Harris (Piano, Synthesizer), Rick Rosato (Bass) und Craig Weinrib (Schlagzeug), allesamt junge Talente aus der New Yorker Szene, die mittlerweile nun schon über zwei Jahre als Band zusammen bestehen. Zur Verstärkung konnten sich die jungen Musiker den oben bereits erwähnten Mark Turner sichern, der sie bei zwei Titeln, „Into Air it Dissappears“ und „Reprise“, tatkräftig unterstützt.

Verloren in der Technik

Das Niveau, auf dem sich die jungen Musiker bewegen, ist durchgängig sehr hoch. Die besonderen Fähigkeiten offenbaren sich vor allem bei den Soli, die jedoch nicht übermäßig lang, sondern eher kurz und knackig sind, um vorrangig gruppen- und stückdienlich zu sein. Die mal lyrischen, mal hymnischen Klänge des Altsaxophons van Gelders sind dabei das Highlight des Albums. Unglücklicherweise setzt das allgemein sehr hohe Niveau der Musiker ein mindestens ebenso hohes Verständnis und umfangreiche Vorerfahrung des Hörers voraus, der sich sonst mit einem „Einheitsbrei“ an Stücken konfrontiert sieht, dessen Komplexität er nicht zu durchdringen vermag. So werden letztlich sowieso nur Jazz-Puristen mit van Gelders Musik etwas anfangen können. Zu wenig greifbar, zu wenig Ecken und Kanten bieten die Stücke, um sich daran festzuhalten, als das sie länger im Gedächtnis haften bleiben würden; viel zu schnell entgleiten sie der Aufmerksamkeit des Hörers. Auch unterscheiden sich die verschiedenen Songs zu wenig voneinander, sodass es durchaus vorkommen kann, das man verdutzt feststellen muss, nicht eben einen langen, sondern vier verschiedene Stücke gehört zu haben. Das größte Manko des Modern Jazz, was Kritiker immer wieder betonen, trifft leider auch auf „Reprise“ zu: Gelder und sein Quintett verlieren sich in der reinen Technik, ohne einem dauerhaften Thema zu folgen. Der Kontakt zum Zuhörer geht so stellenweise verloren.

Ben Van Gelder und seine Truppe haben Lust am spielen, das merkt man zu jedem Zeitpunkt auf der CD. Eine sehr gute und markante Technik bieten dem erfahrenen Jazz-Hörer einiges, für alle anderen wird sich dieses Album jedoch nur in die Reihe nichtssagender und monotoner Modern-Jazz-Alben einreihen. Schade, steht Jazz doch bereits in dem Ruf, nur in elitären Kreisen oder, im Hintergrund zu einer guten Flasche Wein, gehört zu werden. Das vorliegende Album scheint dieses Image nur noch zu verstärken.

"Reprise" von Ben van Gelder erscheint am 27.09.2013 bei Pirouet Records.

http://www.benvangelder.com/

http://www.pirouet.com/

Zum Autor: Denis Gießler ist 23 und studiert in Leipzig.

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