JAZZTAGE: Eine Klesse für sich

Das Eva-Klesse-Quartett zeigt, wie moderner Jazz aussehen muss Site4 von Denis Gießler (29.09.2013)
Titelbild

Das Festival beginnt

Leises Stimmgemurmel im Publikum, hier und dort ein Husten und Schniefen; kein Wunder, es ist schließlich kalt draußen. Im Gegensatz zum Publikum herrscht auf der Bühne absolute Ruhe. Eva Klesse sitzt am Schlagzeug. Sie wirkt nervös, kleine Schweißperlen reflektieren das heiße Scheinwerferlicht. Blicke werden unter den Musikern ausgetauscht, dann schließen sie die Augen. Die Stille wird jäh von einer zurückhaltenden, zärtlichen Klaviermelodie unterbrochen, die ins Mark geht. Bass und Schlagzeug setzen ebenfalls leise ein und steigern sich, bis der dichte Klangteppich nach einem spektakulären Schlagzeugsolo abrupt endet. Das erste Stück ist vorüber.

Eva Klesse ist die diesjährige Gewinnerin des Jazznachwuchspreises der Marion-Ermer-Stiftung. Ihr Quartett, bestehend aus Evgeny Ring am Saxophon, Philip Frischkorn am Piano und Robert Lucaciu am Kontrabass, überzeugte die Kritiker. Maßgebliche Faktoren, warum Klesse gewonnen hat, seien laut Dr. Bert Noglik „ihre Gabe, unterschiedliche Temperamente zu integrieren und Kompositionen zu schreiben, die der Gruppe Zusammenhalt geben, dabei aber zugleich unverkennbar ihre Handschrift erkennen lassen.“ Und ja, bereits mit dem ersten Song bewahrheiten sich all diese Aussagen.

Dabei war Eva Klesses Weg hin zur Berufsmusikerin von allerhand Umwegen geprägt. Zwar bereits in frühen Jahren mit Musik in Kontakt gekommen und Schlagzeugerin in der Leipziger Uni-Big-Band, studierte sie erst Medizin und war schon im vierten Semester angekommen, wechselte dann aber auf die HfM Weimar und liegt nun in den Endzügen ihres Studiums an der HMT-Leipzig. Zahlreiche Gigs führen sie rund um den Globus, ebenso engagiert sie sich als Schlagzeuglehrerin und Workshopdozentin.

Eine Mischung aus Cool- und Modern-Jazz

Das zweite Stück beginnt. Die Band, so Klesse, habe im Vorhinein ausgemacht, dass jeder eines von seinen selbstgeschriebenen Stücken präsentiert. Es folgt von Saxophonist Ring „Teil 1“, welches durch einen heftig-intensiven Einstieg und viel Improvisation besticht. Auch die nächsten Stücke von Frischkorn und Lucaciu wirken lange nach und zeugen von der hohen Qualität jedes einzelnen Musikers. Erwähnt werden muss jedoch, dass, so gut die Musiker technisch sein mögen, sie erst durch Eva Klesses Leitung ihren vollen Raum zur Entfaltung finden. Auch die selbstgeschriebenen Stücke von Klesse selbst heben sich deutlich von anderen aktuellen Modern-Jazz-Produktionen ab, die sich in der reinen Technik, und damit auch häufig den Kontakt zum Zuschauer, verlieren. Nicht so Klesse. Hier findet der Jazz-Fan ein anspruchsvolles Gesamtkonzept, das durch seinen steten Wechsel von impulsiv-sehr kraftvollem Spiel und rhythmischer Sensibilität alles miteinander zu einem großen Ganzen verbindet.

Und genau diese Spielweise spiegelt sich in den Reaktionen des Publikums wider. Aufmerksame, berührte, faszinierte Gesichter, die die Band, aber vor allem die junge Frau aus dem Ruhrgebiet beobachten, wie sie im Schlagzeugspielen völlig aufgeht. Verstärkt wird die ohnehin fantastische Atmosphäre durch das UT-Connewitz, das, bereits 1912 gegründet, mittels der Gestaltung des Bühnenraums als Portikus mit Relief samt Pilastern und der abblätternden Farbe, eine einzigartige Stimmung erzeugt.

Das letzte Lied verstummt, die Menge bricht in tobenden Applaus aus, eine Zugabe muss kommen. Und sie kommt auch. Mit dem unglaublich tragisch als auch hoffnungsvoll anmutenden „24 – 48“, was technisch abermals brillant daherkommt und gleichermaßen die Phase des Cool-Jazz als auch Modern-Jazz miteinander verbindet. Letztlich neigt sich auch die Zugabe dem Ende zu; das Quartett steht auf und verbeugt sich. Alle Nervosität scheint nun verschwunden und fällt von den Musikern wie eine Last.

http://evaklesse.de/EVAKLESSE/Eva_Klesse.html

https://soundcloud.com/evaklesse

Zum Autor: Denis Gießler ist 23 und studiert in Leipzig.

 

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