Nach Strich und Faden

Für zwei Termine waren Jean-Pierre Larroche und sein Team von Les Ateliers du Spectacle mit ihrem französischen Gastspiel „A Distances“ im Westflügel zu sehen. Site4 von Christina Mergel (09.12.2015)
Titelbild

Nur schemenhaft lässt sich der aufwendige Aufbau der Spielfläche erkennen. Allerlei Apparaturen sind ohne unmittelbar ersichtliche Anordnung auf dem gesamten Bühnenraum platziert. Von der Decke hängt ein Stapel Teller an einem Faden, über den Boden sind ebenfalls Fäden gespannt, die für manchen Zuschauer schon das Betreten des Theatersaales zur Herausforderung machen. „Der Laut der Dinge beim Sprechen“ lautet der Titel des ersten von sieben kleineren Einzelstücken, aus denen sich die etwa 80-minütige Inszenierung zusammensetzt. Gesprochen wird zwar nicht in dieser Szene, dafür bestimmen die Laute verschiedener Dinge das Spiel. Ein Guckkasten von der Größe eines alten Röhrenfernsehers fährt zur Mitte der Bühne. Darin sind diverse Dinge in kleinteiliger Bastelarbeit installiert: Vom Bleistift über Pappbecher, Sand und verstärkende Mikrophone hat alles seinen Platz in der eigensinnigen Konstruktion gefunden. Larroche sitzt im dämmrigen Hintergrund und agiert über Fäden, die die geräuschvollen Mechanismen im Guckkasten wie eine Marionette steuern.

Im zweiten Teil wendet der Spieler seinem Publikum den Rücken zu und greift zu zwei Pinseln, um aus anfangs zögerlichen Strichen beidhändig ein riesiges abstraktes Selbstporträt entstehen zu lassen. Wortlos geht es auch weiter. Man beobachtet das Tun des Künstlers und seiner Objekte auf der Bühne. Auf verschiedenen Wegen werden die dreibeinigen Schemel, die über den Bühnenboden verteilt sind, zu Fall gebracht. Den kleinsten davon bewahrt zum Schluss nur das Friedensangebot, das das Stühlchen dem Spielleiter mit einer weißen Fahne macht. Ein menschlicher Gegenpart betritt anschließend in Form einer Dia-Projektion die Bühne und lässt sich so leicht nicht wieder verscheuchen. Im fünften Stück schließlich ergreift Larroche nicht Schnüre oder Pinsel, sondern das Wort. So richtig gelingt es wohl nur wenigen, sprachlich nachvollziehen, mit welch französischen Finessen Larroche Shakespears „King Lear“ in Rebus-Manier zum Besten gibt. Auch wenn der Wortwitz so leider zu großen Teilen an der Sprachbarriere scheitert, ist es beeindruckend, wie der Künstler Objekte zu neuen Wörtern verbindet und sich zusehends in Rage spielt.

Einen Abend mit Worten zu fassen, der sich selbst so spärlich dem Medium der Sprache bedient, ist schwierig. Sicher lässt sich aber sagen, dass die Erwartungen, die seit dem ersten Besuch von Les Ateliers du Spectacle im Sommer 2014 beim Leipziger Publikum hoch sein dürften, voll erfüllt wurden. Das bereits 2002 entstandene „A Distances“ ist zeitlos und erschafft sich seine eigene absurde Welt. ASMR-Effekte kamen hier zum Einsatz, lange bevor das Internet einen Begriff dafür gefunden hatte. Auch wenn Larroche selbst dezent das Rampenlicht meidet und seinen Objekten und dem Spiel allen Raum zugesteht, ist wohl niemandem entgangen, dass hier ein wahrer Meister des Objekttheaters am Werk ist. Wie ein Zauberer herrscht er über sein Reich von handgearbeiteten Kniffen. Ideenreichtum, der ohne Worte und Handlung zu unterhalten weiß. Weitere Gastspiele in Leipzig sind definitiv erwünscht!

Spiel: Jean-Pierre Larroche, Marion Lefebvre

Objekte: Jean-Pierre Larroche

Technik: Benoît Fincker

Regie: Thierry Roisin

Koproduktion mit Beaux Quartiers, Vélo Théâtre, Massalia Théâtre de Marionnettes, Théâtre de Cornouaille (FR)

Foto: Les Ateliers du Spectacle

Kommentare & Bewertungen

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Isabella Davis
Isabella Davis am 02.11.2016 um 00:10 Uhr
This is quite insane, thanks for sharing!

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