Vom Seegang des Lebens

Die Compagnie Gare Centrale aus Belgien präsentierte ihr neuestes Stück „Ressacs“ am vergangenen Wochenende im Lindenfels Westflügel. Site4 von Christina Mergel (26.06.2015)
Titelbild

Dass sie nach ihrem gemeinsamen Stück „Troubles“ weiter zusammenarbeiten wollten, war für Agnès Limbos und Gregory Houben bald klar. Von der ersten konkreteren Stückidee bis zur Premiere von „Ressacs“ im Januar sind zwei Jahre vergangen. Und nun sitzen sie hier im Westflügel, wo sie auch im Herbst 2014 schon für die Proben gastierten, um zum Einstieg mit dem Publikum die Rollen zu tauschen: Die Akteure befinden sich nämlich bereits auf ihren Plätzen inmitten der Kulisse und warten, bis auch alle anderen zum Sitzen gekommen sind.

Über den Köpfen der beiden schwebt eine Möwe, vor ihnen steht ein Tisch, der mit funkelndem lila Stoff bedeckt ist, den Hintergrund bildet eine Wand wie ein blauer Himmel mit weißen Wolken. Als alles still wird, beginnen Limbos und Houben mit einem Ständchen und eröffnen anschließend die Geschichte:
„Once upon a time. A couple. And a very bad situation. They lost everything.“

Was so märchenhaft erzählt wird, wird auch szenisch in einer Miniaturwelt dargestellt. Das Paar tritt auf als klassische Hochzeitstortenfigur, jedoch sind beide in schwarz gekleidet. Die schreckliche Situation erscheint über diesem Paar als schwarze Flügel, die – untermalt von Limbos' Mimik – nichts Gutes verheißen. Der Verlust zeigt sich im Abtragen aller Habseligkeiten: Das Haus, der Garten, das Auto – alles wird vom Tisch genommen, alles ist weg. Nur der Hund Tobi bleibt den beiden. Eine zweite Ebene zur Welt en miniature zeigt sich, indem Limbos und Houben aus ihrer beobachtenden Erzählerrolle selbst in die Rolle des Paares schlüpfen: Verliert das Paar sein letztes Hemd, so sitzen auch die beiden schließlich fast entblößt auf der Bühne. Und dann erleichtert sich auch noch die Möwe auf den Kopf des Spielers...

Auf den ersten Blick mutet das an wie das Spiel im Kinderzimmer, aber bald wird klar, wie viel Mühe, Kreativität und künstlerische Umetzungsgabe in dem so locker wirkenden Spiel stecken. Die Anstrengung von unzähligen Proben, die einem so flüssig abgestimmten Zusammenspiel von Limbos und Houben vorausgeht, ist beim Zusehen nicht mehr spürbar. All die kleinen Objekte, die zum Einsatz kommen, hat Limbos selbst zuhause in ihrer Werkstatt hergestellt. Jazzmusiker Houben hat die Musik geschrieben. Über Videoaufnahmen von gemeinsamen Improvisationen entstehen die konkreten Umsetzungen zu der Stückidee, die Limbos zu den Bildern von „Sale“-Schildern an US-Häusern kam. Ein durchaus ernstes Thema also, das sich hinter kleinen Hunde-, Dinosaurier- und Elefantenfiguren verbirgt.

Der Handlungsstrang ist leicht verständlich. Das Paar, das alles verloren hat, getrieben von den eigenen Launen und denen des Wassers („Ressacs“ bedeutet „Brandungen“), landet auf einer Insel und baut sich nach und nach eine neue Existenz auf. Die Mehrdimensionalität der Thematik zeigt sich spätestens dann, wenn man die eigenen Rezeptionseindrücke infrage stellen und schließlich doch wieder verwerfen muss: Das Paar, das anfangs als Sympathieträger aufgebaut wird, das Paar, mit dem man Mitleid empfindet, als auch der geliebte Hund verschwindet, dieses Paar ernennt sich schnell zu den absoluten Monarchen der Insel und mausert sich als gnadenlose Sklaventreiber gegen die Bewohner.

Gekonnt und mit Selbstironie zeigt „Ressacs“ den Wechsel vom Auf und Ab im Leben, die Abgründe des Menschen und die Abgründe, die sich für den Menschen auftun. Besonders charmant wirkt zudem der Wechsel von Englisch und Deutsch, wobei die hier deutschen Textpassagen immer an die Landessprache des jeweiligen Aufführungsortes angepasst werden, wie mir Agnès Limbos im Gespräch hinterher erklärt. Die enorme Faszinationsstärke der Inszenierung verliert zwar gegen Ende etwas an Kraft, doch mindert das nicht den Gesamteindruck dieser außergewöhnlichen, humorvollen und gelungenen Vorstellung. Nicht zu vergessen: Freunde der Pyrotechnik kommen auch auf ihre Kosten.

Eine absolut sehenswerte Leistung von Meistern ihres Faches.

Companie Gare Centrale (B, Brüssel) in Koproduktion mit dem TJP Alsace-Strasbourg, Théatre de Namur Belgien und dem Lindenfels Westflügel Leipzig

Spiel: Agnès Limbos, Gregory Houben

Musik: Gregory Houben

Kostüme: Emilie Jonet

Konzept und Ausstattung: Agnès Limbos

Regie & Textberatung: Fronçoise Bloch

Foto: Alice Piemme

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