Sandbank oder Stahlbeton?

Für die Volksvertreter in den Bezirken Berlins kündigt sich ein heißer Sommer an. Site4 von Lutz Leichsenring (17.01.2011)
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Wo der mündige Bürger in diesem Jahr sein Kreuzchen macht, könnte sehr davon abhängen, ob er seinen Eistee auf einer Sandbank an der Spree oder hinter einer Stahlbetonwand schlürfen kann. Denn dort, wo man noch vor wenigen Monaten auf Liegestühlen Musik genoss und mit Solarbooten entlangschipperte, wird die Spree zur Großbaustelle: Nach der Bar25 wird nun auch das Kiki Blofeld geräumt.
2004 war das Gelände noch eine Müllkippe, als Gerke Freyschmidt die Köpenickerstraße 48/49 am Speeufer in Berlin-Mitte zur international bekannten Strandbar „Kiki Blofeld“ umwandelte. Nun wurde das Grundstück vom Eigentümer, der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben, ohne öffentliche Ausschreibung verkauft. Kaufangebote der Kiki Blofeld-Betreiber wurden nicht berücksichtigt. Die neuen Eigentümer, die Baugruppe „Die Zusammenarbeiter“, wollen "Townhäuser" bauen und einen öffentlichen Streifen von etwa 20 Metern entlang der Spree beibehalten, der eventuell auch als Bar in Eigenregie weiterbetrieben werden soll.
Dass eine Kündigung, wie im Fall des Kiki Blofelds so kurzfristig ins Haus schneit, ist symptomatisch für die prekäre Situation der Off-Locations in Berlin: keine langfristige Planung, keine Sicherheit bei Investitionen, keine namhaften Bookings. Gerke Freyschmidt arbeitete bereits an der Saisonplanung für 2011 und kann nun nach sechs Jahren Betrieb nicht einmal eine Abschlusssaison feiern. Die Nachricht über die Kündigung erreichte ihn kurz vor Weihnachten wie aus heiterem Himmel.
Die Clubcommission arbeitet gemeinsam mit der Berliner Tourismus Marketing „visitberlin“ an Marketingmaßnahmen für den „Summer of Berlin“ in 2011. Im Ausland soll kräftig die Werbetrommel gerührt werden und entsprechendes Werbematerial ist bereits in Produktion. Mit dem Wegfall der Bar25 und des Kiki Blofeld gehen zwei internationale Zugpferde der vielgepriesenen Berliner Lebensart verloren. Im Gegensatz zu den neunziger Jahren finden die Betreiber in der Stadt heute kaum Alternativflächen und von Seiten der Politik und Verwaltung fehlt ein Plan für die Ansiedlung und Sicherung der Clubszene.
Dass die knapp 40 Personen, die nun auf das Gelände am Spreeufer ziehen, neben ihrer Nachtruhe auch die sonntägliche Beschaulichkeit einfordern werden, ist damit ebenfalls absehbar, wie das Ende der verbleibenden Strandbars am Spreeraum in Friedrichshain-Kreuzberg.

 

 

Über den Autor:

Lutz Leichsenring ist Pressesprecher und Vorstandsmitglied der Clubcommission e.V. - dem
Verband der Berliner Club-, Party- und Kulturereignisveranstalter und Geschäftsführer der Agenturen "YOUNG TARGETS" und "NA-MEDIA SocialSoftware". Seit über 10 Jahren beschäftigt er sich mit der Entwicklung von Marketingtrends der Bereiche Kultur-, Gastronomie- und Club-Szene, online und offline. Bei artiberlin erscheint von ihm monatlich eine Kolumne zu diesen Themen.

 

Weiterer Kommentar: Wenn Individualisten sich organisieren.

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Elmar Mertens
Elmar Mertens am 18.01.2011 um 22:33 Uhr
Nun, ich bin selber noch nicht so lange in Berlin, hatte aber - so muss ich nun plusquamperfektisch sagen - das Glück, das Kiki Blofeld noch kennen gelernt zu haben. Ich finde es schade, dass der Kommerz der Kultur wieder einmal an die Gurgel fährt und ihr so letztlich noch die letzte alternative Lebensfreude abwürgt. So weicht der rustikale Charme des Unperfekten dem Reissbrettdenken uninspirierter Städteplaner. Gez. ein erklärter Naivling

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